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14. April 2024

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Innovative Modetrends in der Steinzeit

Innovative Modetrends in der Steinzeit© OeAW M.Bosch

Im Jungpaläolithikum wurden Schneckengehäuse für die Schmuckerzeugung verwendet. Archäozoologin Marjolein D. Bosch von der OeAW findet Nachweis für 45.000 Jahre alten Schmuck aus Meeresschnecken.

(red/mich) Wer schon einmal Muscheln und Gehäuse am Strand gesammelt hat, weiß, dass diese oft nicht mehr gänzlich unversehrt sind. Diese Beeinträchtigungen sind meist durch natürliche Prozesse entstanden. Bei einem archäologisch relevanten Fund stellt sich deshalb besonders die Frage, ob Perforationen in solchen Schalen willentlich oder lediglich natürlich hervorgerufen wurden.

Steinzeitmuscheln aus dem Libanon und von Teneriffa
Vor genau dieser Herausforderung mit der Bestimmung des menschlichen Handelns stand Archäozoologin Marjolein D. Bosch von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Die Forscherin wollte beweisen, dass über 400 Stücke der spindelförmigen Gehäuse von Meeresschnecken der Spezies Columbella rustica aus dem frühen Paläolithikum (Jungsteinzeit) bewusst durchlöchert worden waren, um aus ihnen Schmuck herzustellen. Die Objekte wurden am Fundplatz Ksâr 'Akil im Libanon entdeckt.

„Diese Zweckwidmung wurde schon lange vermutet, jetzt wollte ich es wissenschaftlich belegen“, erklärt Bosch. Dafür sammelte die gebürtige Niederländerin am Strand im spanischen Teneriffa Gehäuse der Spezies Columbella adansoni, welche jenen von Ksâr ‘Akil sehr ähnlich sind. Vor allem teilen sie das für die Untersuchung notwendige allgemeine Verteilungsmuster der Schalendicke.

Schalenmodelle der Muscheln mit spezieller Scan-Methode
„Zuerst wurden mit Hilfe von Mikro-CT-Scans unberührte Schalen auf robuste und zerbrechliche Zonen gescannt. Im Anschluss haben wir 3D-Modelle der Schalen angefertigt, diese zeigten die genaue Struktur der verschiedenen Muscheln, also wo diese dünner oder dicker waren“, erläutert Marjolein D. Bosch von der OeAW. Ausgehend von den Modellen konnte nun erfasst werden, an welchen Stellen sich die Perforationen befanden.

„Bei den von mir gesammelten Gehäusen vom spanischen Strand traten die überwiegende Mehrheit der Perforationen in strukturschwachen Zonen auf“, so die Expertin. „Bei unseren archäologischen Funden hingegen fanden wir eine höhere Häufigkeit von Perforationen in robusteren Zonen und eine höhere Einheitlichkeit in ihrer Lage, Größe und Form“, skizziert Bosch. Daraus lässt sich klar der Schluss ziehen, dass die Schneckengehäuse einerseits bewusst ausgewählt und andererseits im Zuge eines geplanten Herstellungsprozesses perforiert wurden, um sie danach an Ketten oder Kleidung aufzuhängen.

Symbolische Bedeutung
Wozu aber sind diese Schmuckstücke verwendet worden? Auch damit hat sich die Forscherin auseinandergesetzt. „Da diese keinem Zweck, wie Lebensunterhalt oder Werkzeuggebrauch, gedient haben, gehen wir davon aus, dass sie ‚symbolisch‘ waren“, meint Bosch. Also eine symbolisierte Bedeutung hatten, die von vielen Menschen verstanden wurde, vielleicht auch eine Art gemeinsame Sprache.

So könnte es sich wahrscheinlich um eine Kennzeichnung von Gruppen handeln, man zeigt mit Schmuck an, woher man kommt und wohin man gehört. In diese Richtung will Marjolein D. Bosch in Zukunft weiterforschen, aber auch die Art der Aufhängung mittels Gebrauchsspurenanalyse zu untersuchen steht am Plan der Wissenschaftlerin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

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red/mich, Economy Ausgabe Webartikel, 14.04.2023