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12. Juni 2024

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„Das ist sicherheitstechnisches Harakiri“

„Das ist sicherheitstechnisches Harakiri“© pexels/cottonbro

Trotz schwieriger Rahmenbedingungen berichten heimische Unternehmen von positiver Geschäftsentwicklung, so aktuelle KSV-Analyse. Preiserhöhungen fordern hartes Kostenmanagement. Geringer Fokus auf Nachhaltigkeit und Sicherheit.

(red/czaak) Im Rahmen der vom Kreditschutzverband 1870 regelmäßig durchgeführten Befragung Österreichischer Betriebe zur Geschäftslage, bewerten aktuell 54 Prozent die eigene Geschäftssituation als „sehr gut“ oder „gut“. Zusetzen tun den heimischen Betrieben die steigenden Energiekosten, die Preiserhöhungen bei Lieferanten und die generelle Inflation. Dem gegenüber steht ein hartes Kostenmanagement sowie intensive Kontrollen von betrieblichen Prozessen und Wertschöpfung.

Um das Thema Sicherheit bzw. Cyber-Security kümmert sich aktuell nur jedes fünfte Unternehmen und nur ein Drittel sieht sich bei Nachhaltigkeit auf Kurs – und das, obwohl auf die Betriebe neue Berichtspflichten zukommen oder wie bei den neuen NIS-Regularien (Anm. Netz-Informations-Sicherheits-Gesetz) bereits gültig sind. Das sind Ergebnisse des aktuellen Austrian Business Checks des KSV1870, an dem Angaben zufolge rund 1.300 Betriebe teilgenommen haben.

Sechzig Prozent der Unternehmen vom Arbeitskräftemangel betroffen
Die Geschäftslage ist in Summe positiv, aber nicht überall gleich. Insbesondere im Handel ist die Lage herausfordernd, hier bewerten lediglich 37 Prozent ihre derzeitige Situation mit „sehr gut“ oder „gut“. Umgekehrt ist im Bereich Gastronomie & Beherbergung ein regelrechter Aufschwung von 38 auf 65 Prozent zu verzeichnen. Der positive Trend zeigt sich auch bei den Umsätzen: Bei 55 Prozent haben sich 2022 die Umsätze verbessert und auch für das heurige Jahr rechnen vorab 33 Prozent mit einer Verbesserung.

Ähnlich gestaltet sich die Entwicklung bei der Produktnachfrage, wo 55 Prozent diese als „sehr gut“ oder „gut“ bezeichnen. Trotz allgemein positiver Prognosen für das restliche Jahr, sind Betriebe vorsichtig: 36 Prozent erwarten eine stärkere Nachfrage – im Vorjahr waren es noch 49 Prozent. „Fast 60 Prozent sind vom Arbeitskräftemangel betroffen. Das führt zu steigenden Kosten, um Mitarbeiter zu halten und zu Umsatzeinbußen, da Aufträge abgelehnt werden“, so Ricardo-José Vybiral, Vorstand der KSV1870 Holding AG, der insbesondere das Thema der „Attraktivierung der Vollzeitarbeit“ als essenziell ansieht.

Großer Aufholbedarf beim Thema Cyber-Security
Wie der Austrian Business Check vom KSV1870 noch zeigt, pflegen 35 Prozent der heimischen Betriebe Geschäftsbeziehungen mit Unternehmen der kritischen Infrastruktur. Bei einem Drittel davon macht der Umsatz mit der kritischen Infrastruktur zwischen 51 und 100 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Für sie wird das Inkrafttreten der EU-NIS2-Richtlinie im Herbst 2024 erfolgsentscheidend. Denn bis dahin müssen sowohl Betriebe der kritischen Infrastruktur als auch deren Geschäftspartner nachweislich ausreichende Maßnahmen zum Schutz vor Cyber-Attacken implementiert haben. Andernfalls drohen Strafen oder es gibt keine Geschäfte.

„Wenn sich die Unternehmen nicht rechtzeitig um die Implementierung entsprechender Sicherheitsmaßnahmen kümmern, könnte die Nichterfüllung der neuen Richtlinie für zehn Prozent das Aus bedeuten. Hier brennt der Hut lichterloh“, betont Vybiral. Aktuell fokussieren jedoch nur 21 Prozent der Unternehmen auf ihre Cyber-Sicherheit. „Bei rund 60.000 Delikten von Internetkriminalität allein im Vorjahr, ist das ein sicherheitstechnisches Harakiri“, so Ricardo-José Vybiral. 15 Prozent ignorieren das Thema überhaupt, das sei im Hinblick auf die neue NIS-Richtlinie „eine mittlere Katastrophe“, so Vybiral.

Bei ESG stehen Unternehmen erst am Anfang
Ähnlich wie in Sachen Cyber-Security verhalten sich viele Unternehmen in punkto Nachhaltigkeit. Wie die aktuelle KSV1870 Umfrage zeigt, stellt der Bereich Environmental, Social und Governance (ESG) den Großteil der Betriebe vor massive Herausforderungen. Laut eigenen Angaben verfügen lediglich 14 Prozent über eine bereits vollständig umgesetzte Nachhaltigkeitsstrategie. Weitere 18 Prozent befinden sich immerhin in der Planungsphase.

Besonders nachdenklich stimmt hingegen, dass jeder fünfte Betrieb hier den eigenen Handlungsbedarf erkannt hat, jedoch keine Strategie in Planung oder gar in Umsetzung hat. „Unabhängig davon, dass viele Betriebe in den kommenden Jahren ihre ‚grünen Aktivitäten‘ offenlegen müssen, wird ESG ein Umdenken für die gesamte Wirtschaft bedeuten“, unterstreicht Ricardo-José Vybiral, Vorstand der KSV1870 Holding AG. „Früher oder später wird das Thema der Nachhaltigkeit auch ein zentraler Eckpfeiler in Finanzierungsfragen oder bei der Kreditvergabe sein.“

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red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 01.05.2023