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Werte und ihre Vermittlung

Werte und ihre Vermittlung (APA/Lucia Bischof)Foto: APA/Lucia Bischof

Religion und Ethik sind offenbar derart tragende Grundlagen der Gesellschaft, dass die hitzige Debatte über die richtige Wertevermittlung in Schulen in einer Bandbreite von Theologen bis Atheisten diskutiert wird.

Der Mensch sehnt sich nach Werten. Werte regeln das Leben, sind eine Orientierungshilfe, bestimmen das Handeln, die Definition von Recht und Unrecht in einer persönlichen Matrix. Die Gesellschaft und ihr Rechtssystem sind auf Werten aufgebaut, und diese bestimmen wiederum die Normen, nach denen ein Gesellschaftssystem funktioniert, also die Dichotomie von Sein und Sollen, das normative Prinzip. Ohne dieses kann kein menschliches Miteinander funktionieren, und die absolute Wertfreiheit, der Nihilismus, ist nichts mehr als eine philosophische Wertübung.
Das Grundproblem dabei ist, dass Werte zunächst definiert werden müssen. Hier nähern sich die beiden Werteträger, die Ethik und die Religion, einander an. Werte lassen sich nicht empirisch bestimmen, sie sind moralische Vorstellungen, die auf Werterfahrungen beruhen, also etwa Freundschaft, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Aufrichtigkeit, Treue und dergleichen. Die Wurzeln des Werteprinzips gehen auf die griechischen Philosophen zurück, die sich Gedanken über das sogenannte „Gute“, die „Tugend“ und den „Willen“ gemacht haben. Für Aristoteles besteht zum Beispiel die ethische Tugend in der „Zähmung und Steuerung des irrationalen, triebhaften Teils der Seele“, wie er in der Nikomachischen Ethik ausführt. (Weitergeführt wird der Gedanke um einiges später in der kantischen Pflichtethik, dem kategorischen Imperativ, also der Vernunftethik.)
Die griechische Tugendethik floss auch in die christliche Religion ein und begründete das, was man gemeinhin als glaubensgelenkte Religionsethik ansieht – im Gegensatz zur „weltlichen Ethik“. Und über diesen Gegensatz diskutieren heute aufgeklärte und religiöse Pädagogen gleichermaßen mit einer Hingabe, die an die alten Philosophen gemahnt.
„Ethik ist ein Versuch, die Prinzipien des Zusammenlebens von Menschen auf Basis vernünftiger Überlegungen und ohne transzendente Verankerungen zu bestimmen“, sagt der Philosoph Konrad Paul Liessmann. Nach seiner Meinung ist aber Ethikunterricht in der Schule als Ersatz für den herkömmlichen Religionsunterricht keine Lösung. Ethik nur als „Lebenshilfe“ allein zu unterrichten, greife zu kurz, so Liessmann.

Säkularer Staat
Schüler sollten auch etwas über Religion wissen, aber nicht in dem Sinne einer „Einübung aufs Christentum“, sondern als „Ausdehnung des Philosophieunterrichts mit einem Schwerpunkt Ethik auf die gesamte Oberstufe und die Einführung eines obligatorischen, konfessionsungebundenen Gegenstandes Allgemeine Religions- und Kulturkunde anstelle des bisherigen Religionsunterrichts“, eine „für einen säkularen Staat naheliegendste Lösung“.
Seit dem Schuljahr 1997/98 wird an zahlreichen österreichischen höheren Schulen ein Ersatzpflichtgegenstand „Ethik“ für jene Schüler als Schulversuch geführt, die an keinem konfessionellen Religionsunterricht teilnehmen. Schüler, die sich vom Religionsunterricht abgemeldet haben, müssen Ethik als „Ersatzpflichtgegenstand“ besuchen. Der Ethikunterricht ist grundsätzlich auch von Schülern ohne religiöses Bekenntnis zu absolvieren, soweit sie nicht einen Religionsunterricht ihrer Wahl besuchen. Die Grundlagen: „Der Ethikunterricht orientiert sich an den aus der Aufklärung hervorgegangenen Grund- und Menschenrechten, auf denen auch die österreichische Bundesverfassung und unser Bildungswesen basieren. Er ist daher weder wertneutral noch wertrelativistisch, ohne aber einer bestimmten Weltanschauung verpflichtet zu sein.“ Der Unterricht soll, so die Definition weiter, Schülern ermöglichen, in Fragen von Weltanschauungen, Werten und Normen zu differenzierten Beurteilungen und Handlungsmodellen zu gelangen.“
Der Kirche, über Jahrzehnte die verpflichtenden Religionsstunden in den Schulen gewohnt, passt das nicht so ganz. Bei aller positiven Sicht eines „ergänzenden“ Ethikunterrichts müsse festgehalten werden, dass in einem Land, in dem 90 Prozent der Bevölkerung einer Religionsgemeinschaft angehören, der Ethikunterricht nicht für alle Schüler verpflichtend sein könne“, meint etwa Kardinal Christoph Schönborn. Denn dies würde eine Relativierung des konfessionellen Religionsunterrichts bedeuten.“

Strukturelle Mängel
Gerade die Finanzkrise habe gezeigt, dass es schwere moralische und strukturelle Mängel in der modernen Gesellschaft gebe, so der Kardinal. Gerade in einer Krisenzeit sei die Beachtung der Grundprinzipien der katholischen Soziallehre erforderlich, wohingegen der Charakter eines Ethikunterrichts, der von einem sich „wertneutral“ verstehenden Staat eingeführt wird, noch „grundsätzlich gesellschaftlich diskutiert werden“ müsse.
Worauf der Kardinal anspielt, ist die Befürchtung der Kirche, dass der Staat Grundwerte der Ethik in den Vordergrund stellt, die der Religion ihre Glaubensgrundlage rauben – eine Angst, die Theologe Paul Zulehner ausspricht, wenn er vom „generellen Trend zur weltanschaulichen Verbuntung“ spricht. Nach seiner Ansicht könne man ethische Prinzipien „natürlich“ auch auf Basis eines Humanismus vermitteln. Der überwiegende Teil der Österreicher definiere laut Zulehner aber seine Ethik religiös.
Sehr konträr dazu gestaltet sich die Position der Grünen: „Alle schulpflichtigen Kinder haben das Anrecht auf einen dogmatikfreien Weltreligionen- und Weltanschauungsunterricht (Ethik­unterricht), ungeachtet ihrer weltanschaulichen, konfessionellen oder geografischen Herkunft. Konfessioneller Religionsunterricht sollte nicht Aufgabe des Staates sein“, so Erich Eder, Präsident des Vereins „AgnostikerInnen und AtheistInnen für ein säkulares Österreich“ und Mitglied der Wiener Grünen. „Privilegien ausgewählter Religionsgemeinschaften sind nicht gerechtfertigt.“


Arno Maierbrugger, Economy Printausgabe 79-12-2009, 18.12.2009 Artikel mailen
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