Unabhängiges Magazin für Wirtschaft und Bildung

21. September 2021

Search form

Search form

Die Wochen der Entscheidung

Die Wochen der Entscheidung© Ricardo J. Vybiral_Anna Rauchenberger_KSV

Eine zentrale standortpolitische Frage lautet aktuell: Was passiert, wenn die Wirtschaft wieder anläuft? Ein Expertenkommentar von Ricardo-José Vybiral, CEO des KSV1870.

In der Wirtschaft herrscht überwiegend Zuversicht. Das belegt unser aktueller Austrian Business Check, wo drei Viertel der 1.200 befragten Betriebe die Stimmungslage für die kommenden drei Jahre als positiv bewerten. 45 Prozent klassifizieren dabei auch die aktuelle Geschäftslage als sehr gut oder gut. 28 Prozent geben ein Befriedigend. Das ist annehmbar in Zeiten der wirtschaftlichen Megakrise.

So positiv diese Ergebnisse sind, so schmerzhaft ist für die Betriebe die Entwicklung beim Umsatz: Fast 60 Prozent berichten von rückläufigen Zahlen im Vorjahr. Wo kaum Umsätze, dort kaum offene Rechnungen, das sehen wir im Inkassobereich. Diese Daten und die Umfrageergebnisse sagen aus, dass Unternehmen ihren Geschäftsbetrieb angepasst und kostenseitig teils harte Schnitte gesetzt haben - etwa bei Lohnkosten, Marketingaufwendungen oder Schulungen.

Der neue Gründergeist lebt weiter
In unserer Wirtschaftsdatenbank mit rund 640.000 gelisteten Unternehmen weisen 88 Prozent der Betriebe ein gutes Rating und geringes Ausfallsrisiko auf, gleich wie Anfang des Jahres 2020. Einzig bei den protokollierten bzw. veröffentlichungspflichtigen Unternehmen gibt es eine geringe Verschlechterung. Für den Einzelnen nicht optimal, volkswirtschaftlich betrachtet kein Drama.

Überraschend trotz Pandemie ist die positive Situation bei den Jungunternehmen. Unsere Daten zeigen, dass die Gründungsaktivität im Verlauf des Vorjahres nicht zurückgegangen ist. Das ist eine gute Nachricht, wäre es doch auch möglich gewesen, dass sich die Gründungswilligen in diesen unsteten Zeiten in sichere Beschäftigungen flüchten. Hohe Gründungszahlen gewährleisten zudem, dass das Innovations-Potenzial der Firmen nicht verloren geht. Zudem hat sich in den vergangenen Jahren in Österreich ein neuer Spirit verbreitet, nämlich, dass es großartig ist, Unternehmer zu sein.

Firmen halten durch
Nachdem jede Medaille zwei Seiten hat, gilt es auch auf die Kehrseite der Gründungen zu schauen: die Firmenschließungen. Auch hier wurde bisher nicht aufgegeben. Der Austrian Business Check zeigt, dass aktuell 80 Prozent gänzlich ausschließen, ihr Unternehmen im laufenden Jahr zuzusperren. Die These, dass pandemiebedingt mehr Unternehmen als in einem normalen Jahr zusperren und den sprichwörtlichen „Hut drauf‘ hauen“, wird auch durch die Zahlen unserer Wirtschaftsdatenbank nicht bestätigt.

Tatsächlich sind diese Schließungen 2020 sogar rückläufig – um rund 19 Prozent. Das belegt, dass es für einen Teil der Unternehmen, die eigentlich schließen würden, momentan lukrativer ist im Markt zu bleiben. Möglicherweise um die Liquiditätsspritzen des Staates noch „mitzunehmen“? Wenn dem so ist, dann ist dieses Geld verloren und geht am Zweck der Staatshilfen vorbei. Ein vergleichbares Phänomen zeigt sich auch bei den Insolvenzen: überspitzt ausgedrückt, glänzen diese momentan durch Abwesenheit.

Das Ausmaß der Bereinigung
Obwohl in den Medien immer wieder zu lesen war, dass die Wirtschaftshilfen nicht zügig genug ausbezahlt werden, Unternehmen nicht berücksichtigt würden oder andere Maßnahmen besser wären, verraten uns die Zahlen, dass die Wirtschaft insgesamt bisher vor einem harten Aufprall bewahrt wurde. Allerdings befinden sich die Unternehmen in den besonders betroffenen Branchen in einer Art luftleerem Raum. Tut die Schwerkraft wieder ihre Wirkung, dann kommt es zumindest zu einer Bereinigung, deren Ausmaß schwer abzuschätzen ist.

Vieles hängt von den nächsten Wochen ab: von Öffnungen im Handel, der Gastro, dem Tourismus oder auch der Durchimpfungsrate. Laut Umfrage gehen in den nächsten drei Monaten mehr als einem Viertel der Befragten die liquiden Mittel aus oder sind bereits aufgebraucht. Es ist also höchste Eisenbahn, dass die Betriebe wieder arbeiten können, sonst werden viele den Aufschwung nicht finanzieren können. Die Öffnungsschritte der Regierung kommen keinen Tag zu früh. Auf dass die Infektionszahlen das Comeback auch zulassen.

Die Frage der Reserven
Aber wie wird es werden, wenn alle Wirtschaftsbereiche wieder auf Hochtouren arbeiten? Eine nicht unwesentliche Frage wird sein, wie und wann die Nachfrage zurückkommt. Positive Vorzeichen sind die hohe Sparquote, nicht ausgegebene Urlaubs- und Weihnachtsgelder sowie unterbliebene Ratenkäufe aufgrund der Lockdowns.

Eine weitere Kernfrage betrifft die Liquidität der Unternehmen. Gibt es noch genügend Finanzmittel, um den Aufschwung finanzieren zu können – Stichwort Wareneinkauf. Zwar hat das Eigenkapital laut unserer Umfrage etwas gelitten, jedoch haben viele Betriebe in den Jahren davor dicke Pölster aufgebaut. Laut Wirtschaftsdatenbank ist das durchschnittliche Eigenkapital jener Firmen, deren Quote positiv war, zwischen 2015 und 2019 um 3,7 auf 51,6 Prozent angewachsen.

Comeback-Plan als Zukunftsinvestment
Entscheidend wird auch sein, wie lange der Staat an den Liquiditätsspritzen festhält. Vom WIFO war zuletzt zu hören, dass die Gelder noch in der ersten Phase des Neustarts ausbezahlt werden sollen, damit der Aufschwung nicht gleich wieder erstickt wird. Denn auch wenn es Ratenvereinbarungen für Stundungen geben soll – Zahlungen müssen geleistet werden. In dieser Hinsicht wäre es wünschenswert, schnell konstante und hohe Umsätze einzufahren.

Und, es soll ja auch noch einen Comeback-Plan der österreichischen Bundesregierung geben. Optimalerweise einen, der den Namen verdient und eine Investition in die Zukunft darstellt. Es braucht schlichtweg einen großen Wurf. Der Fokus auf Beschäftigung, Digitalisierung und Ökologisierung ist gut, aber es müssen auch die alten Probleme wie Bürokratie und die hohe Abgabenquote angegangen werden.

Ricardo Jose Vybiral ist CEO des Kreditschutzverbandes 1870, der mit knapp 30.000 Mitgliedern und 640.000 Unternehmen in der Wirtschaftsdatenbank zu den führenden Wirtschaftsplattformen Österreichs zählt. Die Dienstleistungen beinhalten internationale Bonitätsauskünfte, Inkasso-Dienstleistungen und Vertretungen in Insolvenzverfahren. Digitale Innovationen im Bereich Business-Analytics und übergreifende Wirtschaftsdaten runden das Angebot für ein ganzheitliches Risikomanagement von Unternehmen ab. 2019 erwirtschaftete die KSV-Gruppe mit 355 MitarbeiterInnen einen Umsatz von 45,9 Mio. Euro. . Der Vertrag von Ricardo Jose Vybiral wurde vom Vorstandsgremium des KSV1870 soeben um weitere fünf Jahre verlängert. (red/cc)

Links

red/cc, Economy Ausgabe Webartikel, 18.05.2021