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13. November 2019

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„Es ist ein Glück, das erleben zu dürfen.“

Albertina-Chef Klaus-Albrecht Schröder eröffnet neue Dürer-Schau mit über 200 Werken, darunter Leihgaben aus Prado, Uffizien oder dem Museum Thyssen-Bornemisza. Vom berühmten „Hasen“, über ein Selbstbildnis als Akt, bis zum Spätwerk mit dem Heiligen Hieronymus sind eine Vielzahl eindrucksvoller Arbeiten dieses frühen Meisterzeichners zu sehen.

© Klassik Stiftung Weimar - Albrecht Dürer; "Selbstbildnis als Akt“; um 1499 | „Der Flügel einer Blauracke"; um 1500

(Christian Czaak) Die letzte Dürer-Ausstellung zeigte die Albertina im Rahmen ihrer umbaubedingten Wiederöffnung im Jahre 2003. Eine halbe Million Menschen besuchte damals die Schau. Das Haus besitzt mit knapp 140 Arbeiten den weltweit bedeutendsten Bestand an Zeichnungen Albrecht Dürers. Auch die Sammlungsgeschichte ist relevant, die Provenienz lässt sich lückenlos bis ins Jahr 1528 zurückverfolgen und ergibt damit ein seit fast 500 Jahren geschlossenes Konvolut aus Dürers Werkstatt.

Drei von 18 Kindern überlebten ihre Kindheit
Für die aktuelle Schau konnte Österreichs führende Museumsinstitution bedeutende internationale Leihgaben gewinnen, darunter „Die Anbetung der Könige“ aus den Uffizien, das „Selbstbildnis“ (des nackten Albrecht Dürer) aus Weimar, „Die Marter der Zehntausend“ aus dem Kunsthistorischen Museum Wien, „Jesus unter den Schriftgelehrten“ aus dem Museum Thyssen-Bornemisza und aus dem benachbarten Prado „Dürers wohl schönstes Männerporträt“, so Klaus-Albrecht Schröder.

Mit dem „Heiligen Hieronymus“ und allen dazugehörigen Studien wird aktuell auch Dürers malerisches Spätwerk der letzten niederländischen Reise gewürdigt. Der 1471 im deutschen Nürnberg geborene Dürer war Maler, Grafiker und Mathematiker. Mit seinen Zeichnungen, Malereien, Holzschnitten und Kupferstichen zählt er zu den bedeutendsten Vertretern der Renaissance. Dürer hatte 17 Geschwister, inklusive ihm überlebten nur drei ihre Kindheit. Er selbst verstarb 1528 in Nürnberg.

„Ich bin heut‘ nur wegen dem Schröder da“
„Die Sammlung bietet einen idealen Ausgangspunkt, um sich auch der persönlichen, vom Gedankengut des frühen Humanismus geprägten Kunstauffassung zu nähern“, erläutert Albertina-Chef Schröder in seiner Eröffnung der Ausstellung, die auch von Ehrengästen wie Susi und Michael Haneke, Agnes und Karlheinz Essl oder Birgit Lauda besucht wurde. Schröder ging in seiner Rede auch auf sozialpolitische Vergleiche zwischen Renaissance und Jetztzeit ein und nannte hier im Kontext zu Dürers Familiengeschichte etwa das Thema Kindersterblichkeit.

„Ich hätte auch in einem Entwicklungsland geboren werden können, es ist daher ein Glück, wo man lebt und was man machen kann und darf“, so Schröder in seiner umfassenden Einleitung zu Dürers Werk, Leben und Umfeld. Eine Kollegin vom Freundeskreis der Albertina besuchte sowohl die tags zuvor stattgefundene Preview (Voreröffnung; unter Patronanz der Uniqa Versicherung) wie auch nochmals die offizielle Eröffnung. „Ich bin heut‘ nur wegen dem Schröder da, der kann alles immer so greifbar vermitteln“, meinte sie zu economy.

Fachliche Expertise und authentische Begeisterung für Kunst
„Das erschütternde und schonungslose Selbstbildnis des nackten Albrecht Dürers erinnert an Egon Schiele. Dieses Werk ist rätselhaft und bedeutsam zugleich. Dürer stand zur Ansicht seines Körpers nur ein kleiner konvexer Spiegel zur Verfügung und trotzdem schaffte er eine bis in kleinste Details exakte Darstellung seines ganzen Körpers“, betont Schröder. „Besonders hervorsticht das riesige Gemächt.“

Der Albertina-Chef versteht das Publikum mit seiner spürbaren und authentischen (immer frei gesprochenen) Überzeugung zu begeistern und dazu kommt (s)eine Detailgenauigkeit bei kunsthistorischen Einordnungen auch im gesellschafts- oder sozialpolitischen Kontext. Nicht nur in dieser Ausstellung ergänzen diese Einordnungen dann auch einzelne Werke, ganze Werkabschnitte oder den (jeweiligen) Künstler und sein Umfeld. Albertina-Programm als Umsetzung des öffentlichen Bildungsauftrags, in der Form auch international beispielgebend und von daher kommt auch die eingangs angeführte „führende Museumsinstitution“.

Die Grenze des mit Feder und Pinsel Machbaren
Im Anschluss erörtert Christof Metzger, Dürer-Spezialist und aktueller Ausstellungs-Kurator, seine Neubewertungen des Albertina-Bestandes an Dürer-Arbeiten. Besonders interessant sind seine Überlegungen zu den großen Naturstudien der ersten Jahre des 16. Jahrhunderts, darunter der „Feldhase“ oder das „Große Rasenstück“, und zu den Hell-Dunkel-Studien auf farbigen Papieren, wie etwa die berühmten „Betenden Hände“. „Diese Arbeiten führen allesamt an die Grenze des mit Feder und Pinsel Machbaren“, unterstreicht Christof Metzger.

Und weiter: „Sie sind Demonstrationsstücke, die jedem Besucher in Dürers Atelier die vollendeten zeichnerischen und malerischen Fähigkeiten des Meisters unter Beweis stellten“, betont der Kurator und renommierte Dürer-Experte. „Diese Arbeiten sind keine Vor-Studien, sondern autonome Bilder, gleichsam Virtuosenstücke, die das unglaubliche Können des Meisters und die geistige Tiefe seiner Naturauffassung eindrucksvoll demonstrieren“, resümiert Metzger.

Die Dürer-Ausstellung ist bis 20. Jänner 2020 zu sehen. Unterstützt wird die Albertina-Schau von der Bank Austria, BMW und der Wiener Städtischen Versicherung. Parallel läuft eine (ebenso sehenswerte) Lassnig-Retrospektive und eine Schau beeindruckender Werke aus der Sammlung Batliner. Mit kommendem Freitag (27. September) startet eine Ausstellung zu Arnulf Rainer. Hingehen und anschauen!

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 24.09.2019