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21. Januar 2021

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Jugend zwischen Rausch und Entzug

Jugend zwischen Rausch und EntzugAPA/Helmut Fohringer

Ob aus Liebeskummer oder Schulstress: Immer mehr Teenager betrinken sich in regelmäßigen Abständen bis zur Bewusstlosigkeit. Das Durchschnittsalter beim ersten Alkoholkonsum liegt bei zwölf Jahren, die Hälfte aller Minderjährigen mit Alkoholvergiftung ist jünger als 16.

Rausch der Jugend: Die Briten sind Europameister im Saufen, die Österreicher im Qualmen, die Tschechen beim Kiffen: Das zeigt die aktuelle Studie im Auftrag der Europäischen Union zum Suchtverhalten von 16-jährigen Schülern in 35 europäischen Ländern. Österreichische Schüler liegen bei den klassischen Drogen Alkohol und Nikotin über dem Durchschnitt. Nur beim Cannabiskonsum rangieren sie unter dem EU-Durchschnitt. Während der Zigarettenkonsum zurückging, nahmen starke Trinkgelage europaweit zu, besonders unter Mädchen.
Schon lange bevor sich Jugendliche nach absolvierter Matura mit Reisebussen von darauf spezialisierten Reiseagenturen quer durch Europa karren lassen, um dort mit der Sehnsucht nach Exzess und dem Wunsch nach Freiheit zwischen Matura und dem Rest des Lebens zu spielen, werden sie in geselliger Runde von C2H5OH-Molekülen, in der Umgangssprache fälschlicherweise Alkohol statt Ethanol genannt, in Aggregatszustände zwischen Schwips und Koma versetzt. Sie halten es mit Homer Simpson, der behauptet: „Auf den Alkohol – die Lösung und die Ursache für alle Probleme des Lebens.“

Kein Spaß mit Maß
Neuesten Statistiken des Anton-Proksch­-Instituts zufolge hat ein Drittel der 15-jährigen Mädchen und fast die Hälfte der gleichaltrigen Burschen in Österreich bereits mehrmalige Rauscherfahrungen hinter sich. Auch 13-Jährige haben bereits wiederholt Alkoholräusche erlebt – und zwar neun Prozent der Mädchen und 16 Prozent der Burschen. Dabei handelt es sich meist um Wochenendexzesse. Drei Prozent der 16-Jährigen haben aber bereits Trinkgewohnheiten, die über der Gefährdungsgrenze liegen. Komasaufen als Kampfsportart der Teenager? Nein, nicht alle Jugendlichen betrinken sich , ob aus Liebeskummer oder Schulstress, in regelmäßigen Abständen bis zur Bewusstlosigkeit.
Eine aktuelle Studie des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Suchtforschung über Alkoholvergiftungen bei Kindern und Jugendlichen dokumentiert, dass die meisten Fälle, in denen Jugendliche im Krankenhaus gelandet sind, nur „Trinkunfälle“ waren und keine Absicht vorlag. Wie bei allen Drogen ist nicht die Substanz per se das Problem, sondern unkontrollierter Umgang damit. Die Dosis macht die Droge. Hinzu kommt das Tempo, etwa bei besonders risikoreichen Trinkverhalten wie dem sogenannten Binge Drinking, dem schnellen Trinken bis zum Vollrausch. „Spaß mit Maß“, wie es das Bundesministerium für Gesundheit und Frauen einst propagierte, ist dann nicht mehr. Komplexitätsreduktion mündet nahtlos in Kontrollverlust. In Österreich ist seit 2002 die Zahl der jährlichen Spitalseinlieferungen von Kindern und Jugendlichen mit Alkoholvergiftung um 27 Prozent gestiegen.

Die Suchtfalle
Auch andere Drogen sind verbreitet. Mehr als ein Drittel der Jugendlichen hat Erfahrungen mit der illegalen Alltagsdroge Cannabis, sechs Prozent haben irgendwann einmal Ecstasy konsumiert. Die Hälfte aller Cannabiskonsumenten macht ihre ersten Rauscherfahrungen vor dem 16. Lebensjahr. Bis zu sieben Prozent werden süchtig. Studien belegen fatale Folgen: Junge Dauer-Kiffer besitzen im Alter von 20 Jahren die Reife von 14-Jährigen. Für viele bleibt als einziger Ausweg eine stationäre Therapie. Doch es ist ein ständiger Kampf gegen den Rückfall.
Der Konsum von Drogen ist in Österreich stabil bis rückläufig. 2008 gab es 169 direkt mit Suchtgift in Verbindung stehende Todesopfer, im Jahr zuvor waren es 175. Jugendliche konsumieren Drogen exzessiver, aber nicht öfter, geht aus dem Drogenbericht 2009 hervor.
2007 wurde in Österreich eine Schulerhebung durchgeführt. Die Lebenszeitprävalenzen (Cannabis: 94 Prozent, „Ecstasy“: 72 Prozent, „Speed“: 69 Prozent, Kokain: 66 Prozent, Magic Mushrooms: 64 Prozent, LSD: 45 Prozent) sind vor allem für die typischen Partydrogen – „Speed“, „Ecstasy“, Kokain – sehr hoch. 30 Prozent der Befragten konsumieren auf Partys immer illegale Substanzen, weitere 27 Prozent häufig. 88 Prozent geben an, dass einige oder fast alle ihrer Freundinnen und Freunde auf Partys illegale Substanzen konsumieren. 71 Prozent haben bereits gleichzeitig oder innerhalb kurzer Zeit zwei oder mehrere illegale Substanzen beziehungsweise Alkohol und Partydrogen konsumiert.

Economy Ausgabe 82-03-2010, 26.03.2010