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21. Mai 2019

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Religionen definieren Nationen

Religionen definieren Nationen©piqs.de/Gideon

Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen untersuchten vom frühen Mittelalter bis zur Neuzeit den Einfluss der Weltreligionen auf Politik und Gemeinschaft.

Welchen Einfluss hatten die Weltreligionen Christentum, Islam und Buddhismus nach dem Zusammenbruch antiker Imperien auf die Herausbildung neuer politischer Einheiten und Gemeinschaften? Im Rahmen des vom Wissenschaftsfonds (FWF) geförderten Forschungsprojektes „Visions of Community“ (VISCOM) gingen Wissenschaftler aus Mittelalterforschung, Sozialanthropologie und Buddhismuskunde dieser Fragen nach und untersuchten die unterschiedlichsten Weltregionen, vom abendländischen Europa über die arabische Welt bis nach Süd- und Ostasien.

Globale Zusammenhänge durch Geschichtsverständnis
„Bisher diente Europa meist als Maß der kulturellen Entwicklung und des gesellschaftlichen Fortschritts. Ein neues Geschichtsverständnis, das auf globaler Vielfalt beruht, kann viel von anthropologischen Zugängen profitieren“, erläutert Andre Gingrich, Direktor des Instituts für Sozialanthropologie der ÖAW, den methodischen Ansatz des Projektes. „Erst wenn wir unterschiedliche lokale und regionale Entwicklungen genauer erforschen, können wir auch globale Zusammenhänge verstehen“, so Gingrich weiter.

Die Benennung von Staaten nach Völkern
Ein tieferes Verständnis konnten die Forscher etwa vom Verhältnis zwischen Weltreligionen und neuen Staaten gewinnen. Als das Weströmische Reich ab 400 n. Chr. zerfiel, entstanden in Europa politische Gebilde wie etwa die Reiche der Burgunder, Franken oder Angeln, die nach einzelnen Völkern oder ethnischen Gruppen benannt wurden. Damit setzte sich in Europa das Prinzip der Benennung von Staaten nach Völkern durch und daher finden sich auf der Karte Europas schon vor 1000 Jahren viele Namen heutiger Staaten wie England, Frankreich, Dänemark oder Ungarn.

Der Einfluss der Weltreligionen
Anders als in Europa waren die Staaten in der islamischen Welt zumeist nach den herrschenden Dynastien und nicht nach Völkern benannt und in Folge gingen diese oft wieder in neuen Imperien auf. Auf all diese Entwicklungen hatten die Religion einen wichtigen Einfluss. Alle drei universalen Weltreligionen wie Christentum, Islam und Buddhismus wurden zur Legitimation großer wie kleinerer staatlicher Gebilde herangezogen.

Stabile Staaten in Europa
Bei den politischen Umwälzungen im mittelalterlichen Europa war das Christentum aber auch in einer weiteren Hinsicht ein wichtiger Faktor: Gemäß der biblischen Aufforderung „Gehet hin und lehret alle Völker“ konnte das Christentum seinen universalen Anspruch mit und in vielen Staaten gleichzeitig verfolgen. Auf diese Weise war es möglich, dass sich in Europa eine Vielzahl relativ stabiler Staaten entwickeln konnte – und damit jene Grundlage, auf der schließlich die modernen Nationen des Kontinents entstanden.

Überraschende Ähnlichkeiten zwischen den Religionen
Auf überraschende Ähnlichkeiten stießen die Forscher auch zwischen klösterlichen Gemeinschaften. Durch den detaillierten Vergleich der gesellschaftlichen Funktionen von tibetisch-buddhistischen und europäisch-katholischen Klöstern mit südarabischen ‚Hijras‘ gelang die Einsicht, dass zwar alle drei Einrichtungen der ungestörten Entfaltung religiösen Lebens und vielfältigen Wissens dienten, islamische Zentren der Gelehrsamkeit aber mehr Meinungsvielfalt zuließen und den Vertretern abweichender Meinungen Schutz vor staatlichen Eingriffen boten.

Neuer Zugang durch interdisziplinäre Ausrichtung
„VISCOM hat einen völlig neuen Zugang zur Erforschung des Mittelalters eröffnet“, fasst Walter Pohl, VISCOM-Sprecher und Direktor des Instituts für Mittelalterforschung der ÖAW, zusammen. „Die durchgängig interdisziplinäre Ausrichtung des Spezialforschungsbereichs ermöglichte es, Wissen aus verschiedensten Bereichen zusammenzuführen. So können wir die gleichzeitige Ausbreitung der Weltreligionen und ihre Auswirkungen viel besser verstehen“, unterstreicht Pohl.

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red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 21.02.2019