Versilberte Zeit

Versilberte Zeit  (Photos.com)Foto: Photos.com

Arbeiten ohne Deadline: Besuch bei Menschen, für die es keine verlorene Zeit gibt.

Gutes braucht seine Zeit, Zeit zum Reifen: Sauerteig, Käse, Schinken, Wein und Cognac. Das gilt auch für Berufe, die hektischer Betriebsamkeit mit außerordentlicher Souveränität gelassen trotzen. Für die man neben Feinmotorik auch unendliche Geduld mitbringen muss. Gold- und Silberschmiede zum Beispiel oder Geigenbauer. „Geduld ist eine Frage der Selbstdisziplin und der Hingabefähigkeit. Ablenkende Faktoren hat es immer gegeben, die Schnelllebigkeit unserer Zeit ist sogar in der Lage, eine Gegenreaktion hervorzurufen. Meine persönlichen Instrumentenbaukurse sind voll von EDV-Technikern, Ärzten und Musikern – also mit Vertretern eher abstrakter Berufe“, erklärt Nupi Jenner, Meister für Streich- und Saiteninstrumentenerzeugung.
Geigenbau erfordert Geduld und Liebe zum Detail, doch beschert er in jeder Phase der Herstellung unmittelbare Erfolgserlebnisse. Geigenbau stellt eine gelungene Synthese aus Kunsthandwerk und Musik dar.

Geduld und Liebe zum Detail
Stilistisch erfordert der Bau einer Geige ein gutes Verständnis barocker Ausdrucksformen, in musikalischer Hinsicht viel Gespür für die akustischen Eigenschaften der verwendeten Materialien. Für eine Geige, die in reiner Handarbeit entsteht, rechnet der Profi mit etwa 70 bis 120 Arbeitsstunden. Das ist nur ein Richtwert, da abgesehen von der persönlichen Fertigkeit des Erzeugers auch die zeitliche Investition in die Qualität der handwerklichen und akustischen Verarbeitung eine Rolle spielt.
Zu der alchimistisch anmutenden Manufaktur, einem stillen Raum, in dem alles darauf angelegt ist, der Zeitmessung keine Chance zu geben, passen keine Deadlines – gibt es keine verlorene Zeit. In einer hektischen Umgebung könnte der Goldschmied seine filigrane Arbeit gar nicht machen. „Schmuck zu fertigen ist wie ein kleines Bildhauerstück“, erklärt Günter Guggenberger, Landesinnungsmeister Wien, und ergänzt: „Der Wiener Goldschmied macht nichts über vier Zentimeter.“ Längst ist leider auch in seinem Metier zur Realität geworden, was Friedrich Nietzsche so formulierte: „Handwerk hat goldenen Boden, aber manchmal hängt auch eine bleierne Decke darüber.“ Die goldenen Zeiten der 60er und 70er Jahre seien vorbei, erklärt Guggenberger. Ließ sich die Dame von Welt früher ein prestigeträchtiges Unikat eigens für den Opernball anfertigen, so ist es heute die Marke, die eigentlich unbezahlbare Individualität verdrängt hat.
Wie beim Geigenbauen kann man bestimmte Dinge rationalisieren, aber nur bedingt. Früher war alles sehr viel schwerer, ohne Gas und ohne Strom. Wenn ein Ring heute einen Tag dauert, brauchte es vor hundert Jahren dafür dreimal so lange. Das ist das, was die Menschen nicht verstehen: dass es dauert. Usus sei es mittlerweile, dass sich hoch qualifizierte Kollegen mit Taxifahren und Unterricht an Volkshochschulen ein zweites Standbein schaffen müssen.

Goldener Boden, bleierne Decke
Erwin Vögerl, der 1979 als erster und bislang einziger Österreicher Weltmeister seiner Zunft wurde, ist einer der Letzten seiner Art. Es gibt nur noch fünf Silberschmiede in Österreich. Und von Jahr zu Jahr werden es weniger, die sakrale Symbole wie Kreuze und Monstranzen, aber auch Tabletts und Bestecke von Hand fertigen und ihnen die Anmutung kleiner Kunstwerke verleihen. Menschen wie Vögerl, die 200 Stunden an einer Teekanne arbeiten, wirken wie aus der Zeit gefallen, seit die Industrie in kurzer Zeit maschinell schöne Dinge herstellen kann, denen jedoch die „Seele“ fehlt. Man könnte erwarten, dass ihm das Sorgen macht, dass er sich, um in dieser Welt zu überleben, Termine setzt, zu denen seine Stücke fertig sein müssen. Doch Vögerl kann mit dieser Arbeit nur leben, weil er sich nicht drängen lässt. Ein Mann wie er braucht seine eigene Zeitrechnung. Silberschmied zu sein, das ist wie Opern zu singen. Man erarbeitet sich ein Repertoire. Die Stücke sind immer auch Ergebnisse des bisherigen Arbeitslebens. Ein Tablett aus einem einzigen Stück Silber zu treiben, das ist die allerhöchste Kunst.
Aber kaum noch erlernen junge Menschen den Beruf, weil kaum mehr einer davon leben kann. Der Stundenlohn ist vergleichsweise lächerlich. 8000 Euro für eine Teekanne, das klingt zwar nach einem stattlichen Preis, nach neureichen Menschen und Königshäusern. Aber für Vögerl bedeutet solch eine Kanne 200 Arbeitsstunden. Eigentlich bedeutet sie viel mehr: „Wenn Sie jetzt im Alter etwas machen, dann ist das auch die Summe Ihres Lebens“, sagt er. Man muss an E. T. A. Hoffmanns Novelle Fräulein von Scuderi denken, wo der Goldschmied René Cardillac Kunden ermordet, um seine Stücke wiederzubekommen. Und daran, dass solch eine Werkstatt ein Gefühl dafür vermittelt, dass ein Original sie für immer verlässt, zusammen mit den vielen Stunden, die es mit dem Schmied verbracht hat. Die Kunden kaufen nicht nur Kannen, sie kaufen auch versilberte Zeit.


Ralf Dzioblowski, Economy Printausgabe 80-01-2010, 29.01.2010 Kommentar posten


Beschleunigte Kommunikation

Beschleunigte Kommunikation

Expertenkommentar Christian Angerer, T-Systems. Zusammenarbeit über Organisationsgrenzen ... mehr

Prädikat: ungeeignet

Prädikat: ungeeignet

Traditionelle Zahlverfahren sind vielfach nicht für den Internethandel geeignet. Wer ... mehr

Der Kunde aus dem Netz

Der Kunde aus dem Netz

Expertenkommentar Agnes Heftberger, IBM. Heute kann man praktisch zu jeder Zeit, fast jedes ... mehr

T-Systems gewinnt weltweit Cloud-Verträge in Millionenhöhe

T-Systems gewinnt weltweit Cloud-Verträge in Millionenhöhe

Die Zahl cloud-basierter Verträge steigt rasant. ITK erhöht Unternehmenswert der ... mehr

Auf gut Glück

Auf gut Glück

Vielen Unternehmen fehlen die Grundlagen für treffsichere Analysen. Business Intelligence soll ... mehr

Standardisiert erfolgreich

Standardisiert erfolgreich

Innovative Produktideen scheitern oft schon lang bevor ihr Potenzial ausgelotet wurde. Und oft wird ... mehr

T-Systems mit rund 19%-iger Auftragssteigerung im dritten Quartal

T-Systems mit rund 19%-iger Auftragssteigerung im dritten Quartal

Auftragsgeschäft Neugabschlüssen und Vertragsverlängerungen, Qualitätssicherung bei ... mehr

Regionale Innovatoren

Regionale Innovatoren

Das Dienstleistungsangebot der Impulszentren wird ausgebaut. Mitte der Neunziger Jahre boomten ... mehr

Telekom Austria Group Business School feiert einjähriges Jubiläum

Telekom Austria Group Business School feiert einjähriges Jubiläum

Internes Fortbildungssystem für die Top-Talente des gesamten Konzerns mit Professoren ... mehr

IBM Finanzierung für den Mittelstand

IBM Finanzierung für den Mittelstand

Eine Milliarde US-Dollar für die Finanzierung von mittelstandsgerechten IT-Lösungen. IBM ... mehr

Gute Nachrede

Gute Nachrede

Der Internethandel prosperiert. Damit der einzelne Händler im Web erfolgreich ist, muss er das ... mehr


 

Ihre Meinung:

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
Image CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.