Verkehrsschilder verschrotten

Verkehrsschilder verschrotten (Büro Landesrätin Edlinger-Ploder)Foto: Büro Landesrätin Edlinger-Ploder

Der holländische Verkehrsplaner Hans Moderman hat das Shared-Space-Konzept entwickelt: Alle Verkehrsteilnehmer bewegen sich in einem gemeinsamen Raum. Die einzige Regel: Augen auf und aufeinander Rücksicht nehmen. Die steirische Gemeinde Gleinstätten baut bereits um.

Die südsteirische Gemeinde Gleinstätten hat eine Schule mitten im Ort. Doch das übliche rot umrandete, dreieckige Schild mit Kindern in der Mitte, das Autofahrer vor der Gefahr Kind warnt, montiert Gleinstätten gerade ab. Es wird auch kein blaues Schule-Zeichen mehr geben. Denn Gleinstätten schafft die Verkehrsschilder ab. Das klingt wie eine Autofahrerkampfansage à la „freie Fahrt für freie Bürger“.
Ist es aber nicht. Hier wird das revolutionäre Konzept „Shared Space“ realisiert, das der holländische Verkehrsplaner Hans Monderman entwickelt hat. Shared Space ist eine gemeinsame Fläche, die sich Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger, Rollstuhlfahrer, einfach alle, teilen. Eine Fläche ohne Gehsteig oder Fahrbahn. Plätze, wo man sich ohne Regeln fortbewegt – außer der einen: Augen auf und aufeinander Rücksicht nehmen.

Das Hirn einschalten
Das funktioniere, „weil die Menschen Hirn und soziales Denken einschalten“, sagt Monderman. Wenn alles reglementiert sei, nutze jeder den ihm zustehenden Raum. Wenn man sich aber im Recht fühle, nehme man auf die anderen keine Rücksicht.
In Holland haben bereits Dutzende Städte ihre Verkehrsschilder abmontiert. Über ein EU-Projekt wurde das Konzept in Europa verbreitet. In England greift die Bewegung, in Deutschland hat die Stadt Bohmte damit begonnen.
In Österreich hat die steirische Verkehrslandesrätin Kristina Edlinger-Ploder (ÖVP) das Konzept importiert. „Es war eigentlich ein Zufall“, sagt sie. „Ich habe in einer Zeitschrift einen Artikel über Shared Space und Hans Monderman gelesen.“ Zur ungefähr selben Zeit hat die Forschungsgesellschaft Mobilität Kontakt zu Monderman aufgenommen. Monderman kam nach Graz und präsentierte sein Shared-Space-Konzept dem Verkehrssicherheitsbeirat, einer Runde von Verkehrsexperten und Bezirkshauptleuten. Auf einer Exkursion nach Holland begutachtete Edlinger-Ploder schilderfreie Städte und vereinbarte eine Zusammenarbeit mit Mondermans Keuning Instituut in Groningen. Zurück in Graz lud sie ein wichtiges Medium (die Kronen Zeitung) zu einer Informationsveranstaltung und verbreitete so die Botschaft an die Gemeinden – mit der Aufforderung, sich zu melden, wenn sie Interesse hätten.
Bürgermeister Gottfried Schober (ÖVP) von der Marktgemeinde Gleinstätten meldete sich. Die Gemeinde hatte ein Problem: eine Straße, die den Ort wie eine Schnellstraße durchschnitt. Da sie ohnehin sanierungsbedürftig war, wird Gleinstätten das erste Shared-Space-Projekt in Österreich verwirklichen. In einem aufwendigen Beteiligungsprozess wurde die gesamte Bevölkerung einbezogen. Da mussten erst mal Bedenken ausgeräumt werden – ob die Autofahrer wirklich das Tempo drosseln würden, wenn es keine Schilder gebe. Edlinger-Ploder verweist auf die holländische Erfahrung, wonach es im geteilten Raum viel weniger Verkehrsunfälle, Verletzte und Tote gebe als früher. „Ich glaube nicht, dass Autofahrer aufgrund eines Verkehrsschildes ein moralisches Bewusstsein haben, die Geschwindigkeit zu drosseln. Wenn sie aber Kinder auf einem Schulhof sehen, nehmen sie automatisch das Tempo runter“, sagt Edlinger-Ploder. „Die persönliche Kommunikation der Menschen untereinander ist stärker als eine Verordnung.“

Chaotischer Platz, wenig Unfälle
Den Beweis liefere der Dietrichsteinplatz in Graz, der ziemlich chaotisch aussehe, aber seit Jahren funktioniere. Da fahren Autos, Straßenbahnen, Busse und Räder durch, eine heterogene Verkehrsmischung ohne große Regeln. „Jeder Mensch, der dort hinfährt, überlegt, was da eigentlich los ist. Genau diese Unsicherheit schürt die Aufmerksamkeit“, so Edlinger-Ploder. Die Statistik zeige, dass dort relativ wenige Unfälle mit maximal Blechschaden passieren.
Das Konzept begeistert viele Gemeinden, doch viele sind auch skeptisch. In Gleinstätten wird der gemeinsame Staßenraum gerade realisiert, Feldkirchen bei Graz folgt in Kürze, die Grazer Vizebürgermeisterin Lisa Rücker (Die Grünen) wird mehrere Plätze nach der Shared-Space-Devise umbauen lassen.


Margarete Endl, Economy Printausgabe 80-01-2010, 29.01.2010 Kommentar posten


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