Standardisiert erfolgreich

Standardisiert erfolgreich (VTÖ)Foto: VTÖ

Innovative Produktideen scheitern oft schon lang bevor ihr Potenzial ausgelotet wurde. Und oft wird viel Geld in eine – prinzipiell gute – Idee gesteckt, trotzdem schafft sie es nicht in den Markt. Gerade in Österreich gibt es da Einiges an Aufholbedarf, anderswo kann man das besser. Christian Stemberger im Gespräch mit Wolfgang Rupp, Vorstandsvorsitzender des VTÖ (Verband der Technologiezentren Österreichs).

economyaustria: Herr Rupp, Ende November hat der VTÖ Österreich auf der Messe des EBN (European Business & Innovation Center Network) in Berlin vertreten. Diese Veranstaltung fand heuer erstmals statt und zeigt Wege auf, wie Startups an den Markt herangeführt werden und bestehende Unternehmen Innovationen erfolgreich umsetzen können. Sie verfügen selbst über eine langjährige Erfahrung als Technologiezentrumsmanager und Innovationsberater, welche Trends konnten Sie in Berlin beobachten?
Rupp: Softwarebasierte Werkzeuge sind im Innovationsprozess eindeutig im Kommen. Von den 20 Tools, deren Urheber der EBN zur Präsentation eingeladen hat, waren allein 17 IT-gestützt.

Welche Vorteile bieten die?
Viele Schritte der Unternehmensgründung beziehungsweise des Innovationsprozesses sind unabhängig vom Produkt immer die selben. Softwarebasierte Tools ermöglichen eine strukturierte, standardisierte Vorgangsweise. Kurz gesagt, sie können den Vorgang rasch durchziehen und sind sich sicher, dass sie dabei nichts vergessen. Es ist also letztendlich auch wahrscheinlicher, dass sie Erfolg haben.

Haben solche Tools das Potenzial, den Innovationsberater zu ersetzen?

Nein. Sie unterstützen den Berater, damit er seine Dienstleistung möglichst effizient erbringt. Gerade wenn man sich intensiv mit einer neuen Idee beschäftigt, ist man auf Fremdreflexion dringend angewiesen. Der Technologiezentrumsmanager als Berater ist diese kritische Instanz, der mit seinem Know-how die Erfolgschancen beurteilen kann und die Schwachstellen aufdeckt. Keine Software kann das.
Stellen sie sich das so ähnlich vor wie eine Checklist, die eine Fluzeugbesatzung vor dem Start durchgeht. Die hilft den Piloten, dass sie kein Detail übersehen und trotzdem die Startvorbereitungen in kurzer Zeit durchführen. Im Grunde steht aber in der Checklist nichts drin, was die Besatzung nicht auch selbst weiß. Und Fliegen muss allemal noch der Pilot die Maschine.

Die Werkzeuge, die der VTÖ präsentiert hat, sind in Berlin auf großes Interesse gestoßen.
Ja, besonders unser Tool für die Technologiezentrummanager zum Komplettcheck eines Startup, das man auch zur Bewertung der Innovationsfähigkeit eines bestehenden kleinen oder mittleren Unternehmens einsetzen kann. Das ist ein mächtiges Excel-Sheet, das wir für unseren internationalen VTÖ Incubation Manager Lehrgang erarbeitet haben, und in dem sehr viel Expertenwissen drin steckt. Das füllt der Berater gemeinsam mit seinem Kunden aus, am Ende erfolgt eine automatische Auswertung und grafische Darstellung des Gesamtstatus der Innovation und des Unternehmens.
Die 15 Fragenkomplexe ermöglichen eine ganzheitliche Darstellung der Lage. Wie ist das Unternehmen etwa bei den Finanzen aufgestellt, wie gut ist die Innovationskultur verankert, sind ausreichend Entwicklungs- und Produktionskapazitäten vorhanden, wie schaut der Markt aus, gibt es Schwachstellen, etwa im Vertrieb, die Kooperationen erforderlich machen? Und daraus kann man gleich die nächsten erforderlichen Schritte ableiten.

Und welche Vorteile bringt dieses Werkzeug?
Das habe ich mit dem Piloten-Vergleich gemeint. Ein guter Technologiezentrumsmanager als Innovationsberater beherrscht an sich alle diese Themen. Bis er mit dem Kunden den Gesamtstatus erarbeitet hat, können aber Wochen vergehen. Wird das Tool eingesetzt, kann – vorausgesetzt der Kunde ist gut vorbereitet – diese Analyse in zwei Stunden durchgezogen werden. Aber selbst, wenn das nicht der Fall ist, reduziert es den Aufwand beträchtlich.

Dass ein Startup bei seinen ersten Schritten Unterstützung braucht, ist logisch. Aber sollte das ein bestehendes Unternehmen nicht auch ohne Hilfe schaffen?
Das ist wie mit ihrem Steuerberater. Natürlich können sie ihre Steuererklärung selbst erstellen.. Aber sie brauchen länger und das Risiko, dass sie einen kostspieligen Fehler begehen, ist höher. Gerade in kleinen und mittleren Unternehmen ist Innovation keine Kernkompetenz. Die stecken ihre Energie in den laufenden Betrieb. Ideen entstehen oft so nebenher, als Gedankenspiele, quasi ein Abfallprodukt aus dem täglichen Geschäft. Und dann fehlen oft die Zeit und das Wissen, um aus der Idee eine Innovation zu machen. So versanden vielversprechende Projekte noch bevor man überprüfen konnte, ob es einen Markt für das Produkt oder die Dienstleistung gibt.

Sie haben in Berlin noch ein anderes Werkzeug vorgestellt.

Ja. Da haben wir eine Stärken-Schwächen-Analyse mit einem Zukunftsszenario gekreuzt. Wie entwickeln sich meine Risken und Chancen in der Zukunft, wird eine meiner Stärken zu einer Schwäche? Auch da geht es um eine strukturierte und damit schnelle und umfassende Herangehensweise.

Wann wird eine Stärke zur Schwäche?

Etwa wenn ich ein Produkt habe, beispielsweise eine Software, die ich sehr individuell anpassen kann. Damit bin ich sehr flexibel. Wenn es aber zu einer Gesetzesänderung kommt, die das verbietet, ist meine Stärke ganz schnell weg, sie wird zur Schwäche..

Wie ist es um die Innovationsfähigkeit der österreichischen Wirtschaft bestellt?

Es ist ein altes Lied, aber es fehlt am Geld, gerade bei den Startups und in den kleinen und mittleren Unternehmen. Eine gute Idee allein reicht einfach nicht, man braucht Geld um sie umzusetzen. Die österreichische Förderlandschaft ist zwar gut ausgebaut und es werden da im Moment auch äußerst begrüßenswerte Anstrengungen Richtung Entbürokratisierung unternommen. Wenn es aber darum geht eine Idee in den Markt zu bringen, tauchen große Hürden auf. Da tragen die aktuellen wirtschaftspolitischen Umstände auch das ihre bei.
Global betrachtet sind Asien und Nordamerika der EU weit voraus, und in der EU zählen Länder wie Finnland oder Schweden zu den Spitzenreitern. Österreich ist da nur Mittelmaß.

Werden die richtigen Signale gesetzt?
Horizon 2020, der Nachfolger des 7. EU-Rahmenprogramms, gibt Anlass zur Hoffnung. Bislang waren die Bemühungen der Union sehr forschungsverliebt. Jetzt scheint es mehr Anstrengungen zu geben, wissenschaftliche Erkenntnisse in marktfähige Produkte umzusetzen. Gerade in Österreich ist die Forschung sehr gut, die Umsetzung in marktfähige Produkte oder Services steigerungsfähig. Aber das ist auch ein europäisches Problem. Das Fax oder mp3-Format wurden in Europa entwickelt. In den Markt gebracht haben es andere.

Ist das auch eine Frage der Mentalität?

Soweit würde ich nicht gehen. Aber die Herangehensweise ist oft unglücklich. Wir haben eine Technologie und suchen eine Anwendung am Markt. Viel erfolgversprechender ist, den Markt zu untersuchen: Was braucht der Markt? Und dann erst die Technologie entwickeln. Auf Seiten der Förderinstitutionen spielt auch das europäische Wettbewerbsrecht eine Rolle, je näher man dem Markt kommt, desto heikler wird eine Unterstützung. Da wäre mehr Kreativität gefragt. Fördern heißt ja nicht nur, jemand Bargeld in die Hand zu drücken. Und nicht zuletzt den Business Angels werden wenig steuerliche Anreize geboten, dafür haben sie ein hohes Risiko. Die brauchen mehr Unterstützung. Das könnten aber auch Schulungen sein, damit neue Business Angels ihre Chancen und Risiken besser abschätzen lernen..

Wo besteht der größte Handlungsbedarf?
Im Hightech-Bereich, bei der akademischen Forschung ist die Situation ganz zufriedenstellend. Bei den Unternehmen draußen in den Regionen, die im Midtech-Bereich innovativ sind oder sein könnten, denen fehlt die Zeit und das Geld für die Umsetzung ihrer Ideen. Hier werden sich in Zukunft Technologiezentrumsmanager als Innovationsberater noch mehr als bisher engagieren.


red, Economy Webartikel, 16.12.2011 Kommentar posten


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