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Psychogruppen als Seelenverkäufer

Psychogruppen als Seelenverkäufer (EPA)Foto: EPA

Gruppierungen wie Scientology oder Star’s Edge nehmen Kunden in einem Multi-Level-Marketingsystem aus.

Die weltweit größte Psychogruppe Scientology ist ein Paradebeispiel dafür, wie man aus sogenannter Lebenshilfe Kapital schlagen kann. Die umstrittenen Praktiken der Gruppe sind am ehesten mit einer Mischung aus metaphysischen und psychotherapeutischen Methoden zu charakterisieren.
Vom kaufmännischen Standpunkt her geht es der Gruppe aber um den Verkauf der Marke „Scientology“ auf der Basis eines Stufenbausystems. Es beginnt mit sogenannten Persönlichkeitstests, die meistens im Erstkontakt noch kostenlos sind, gefolgt von weiteren Einsteiger-Audits um ein paar Hundert Euro.
In höhere Sphären steigt man dann aber über sogenannte „Reinigungstests“ auf, die schon mit mehreren Tausend Euro zu Buche schlagen. Ziel des Ganzen ist eine „Befreiung des Verstandes“ und eine darauf folgende Zertifizierung als „Thetan“. Verbunden damit sind auch Persönlichkeitstest und „Clearing-Programme“ für Drogenabhängige. Die Preise für die höchstrangigen „Kurse“, die meist aus einer Abfolge von verschiedenen obskuren „Trainings“ bestehen, können mehrere 100.000 Euro kosten, darunter das sogenannte „Super Power Building“ oder „Flag Processing“ der Scientology-Abteilung „Flag Service Organisation“ in Clearwater, Florida. Enthalten sind dabei Kurse mit Namen wie „New Vitality Rundown“ oder „Interiorisationsrundown nach Dynamiken“. Für das „Flag-Willkommenspaket“ wird nach aktueller Preisliste 2009 ein „Spendenbeitrag“ von rund 20.000 Euro verlangt.

Deppensteuer zahlen
„Bei einer mehrjährigen Mitgliedschaft, also von fünf bis zehn Jahren, kommt man in etwa auf 100.000 bis 150.000 Euro, die man in Scientology investiert“, sagt der Scientology-Aussteiger Winfried Handl. „Das muss man dann als Deppensteuer abschreiben, wenn man die Gruppe verlässt.“
Da sich offenbar genug „Deppen“ für so etwas finden, hat das Scientology-Prinzip auch etliche Nachahmer gefunden. Einer davon ist der Amateurpsychologe Harry Palmer, der mit seinem Unternehmen Star’s Edge International eine Vermarktung von Psychokursen mit dem Markennamen „Avatar“ durchführt. Palmer, früher selbst bei Scientology, hat Avatar aus einer Mischung von New Age, Scientology-Verfahren, Autohypnose und tibetanischen Meditationstechniken konstruiert.
Avatar soll dem Kursteilnehmer ermöglichen, gewünschte und erwünschte Überzeugungen beziehungsweise Lebensrealitäten zu „kreieren“ und unerwünschte Überzeugungen zu „diskreieren“. Wer am Ende der kompletten Kursreihe die Stufe des „Wizard“ erreicht habe, verfüge über „ein solches Verständnis“.

Teure Erleuchtung
Die Erleuchtung kommt natürlich nicht umsonst. Die Kurs­preise des Multi-Level-Psychomarketingsystems bewegen sich zwischen 2500 und 7500 Dollar. Ziel des Ganzen ist, ein „Avatar Master“ zu werden, der für Neulinge weitere Kurse abhält, dafür aber eine „Supervi­sion Fee“ in der Höhe von bis zu einem Viertel der Kurseinnahmen an Star’s Edge zahlt.
So primitiv dieses System auch ist, es finden sich trotzdem Kunden, die Interesse haben, durch Palmers Kurse zu den „Geheimnissen des Universums“ geführt zu werden. „Ein absolutes Recycling von Scientology-Ideen, ein kompletter Beschiss“, urteilt Avatar-Kritiker Eldon Braun.


Arno Maierbrugger, Economy Printausgabe 79-12-2009, 18.12.2009 Artikel mailen
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