Pornoindustrie entdeckt das Internet

Pornoindustrie entdeckt das Internet (EPA)Foto: EPA

2006 gingen Porno-DVD-Umsätze drastisch zurück. Schuld daran war das Internet. Doch jetzt wird es genutzt.

„Wir haben es mit zügelloser Piraterie zu tun und tonnenweise freien Inhalten“, so äußerte sich Steven Hirsch über die Konkurrenz aus dem Internet, welche die lukrativen Geschäfte der von ihm gegründeten Produktionsfirma Vivid vermiest, die zu den größten der amerikanischen Pornobranche zählt. Einst habe sein Unternehmen 80 Prozent seines Jahresumsatzes von rund 100 Mio. Dollar mit dem Verkauf von DVDs erwirtschaftet, so Hirsch in Las Vegas auf der Fachmesse AVN Adult Entertainment Expo. Der größte Einbruch wurde im Jahr 2006 verzeichnet. Da sei der Anteil der DVD-Verkäufe auf 30 Prozent gefallen. Und deshalb müsse gegen die Angebote im Internet vorgegangen werden, sagt Hirsch bei jeder Gelegenheit. „Wenn das nicht geschieht und es weiter diese ganzen kostenlosen Inhalte da draußen gibt, wird man sich irgendwann nicht mehr leisten können, Filme herzustellen.“
Ähnlich wie Vivid scheinen auch andere Pornoanbieter die Lage einzuschätzen. Zwar profitieren sie alle von den Möglichkeiten des Netzes und verkaufen immer mehr Inhalte online. Doch zugleich fühlt sich die Branche von Mitmachplattformen wie Xtube oder Youporn bedroht, auf denen private Filme hochgeladen werden.
Das Schlagwort Web 2.0 löste in der Pornoindustrie Ängste aus. Deutsche Anbieter haben sogar schon Gerichte bemüht und Internet-Provider in Deutschland gezwungen, den Zugang zu Gratis-US-Portalen für alle Surfer zu sperren. Die Begründung: Die Portale prüfen das Alter ihrer Besucher nicht gemäß der deutschen Jugendschutzauflagen.
Porno-Web 2.0-Seiten wie Youporn, Pornotube und Xpeeps, eine Erwachsenenausgabe von Myspace, gibt es schon länger. Nicht zuletzt deshalb, weil Anbieter wie Youtube oder My­space verständlicherweise keine Erotikinhalte auf ihren Seiten dulden.
Die Inhalte der Porno-Klone von Youtube stammen teils von kommerziellen Studios, teils von den Nutzern und sollen, so der Vorwurf der Branche, zum Teil auch illegal kopiert worden sein. „Wir sind keine Piraten“, sagte Xtube­-Mitgründer Lance Cassidy. „Das meiste Geld machen wir durch Werbung, wie bei jeder Seite“, ergänzte der Vertriebschef Curtis Potec. Ein Prozent der Besucher der Seite kaufe DVDs oder Videos, damit verdiene man Millionen.

Umstrittene Gratis-Köder
Viele Filmstudios stellen Webseiten wie Xtube kurze Ausschnitte eigener Produktionen als Werbung zur Verfügung. In der Branche wird diskutiert, ob man sich damit nicht eher schade. „Das ist in unseren Büros ein ständiges Thema“, sagt Garion Hall von Abbywinters. „Das ist zu viel.“ Auch Jay Grdina, der Vorsitzende der Playboy-Sparte Clubjenna, hält die kostenlosen Clips für einen Fehler. „Wir schneiden uns ins eigene Fleisch.“
Aber die Branche hat mittlerweile reagiert. 1,6 Mrd. Dollar setzte die US-Pornoindustrie im letzten Jahr nur mit Filmen für Mobiltelefone um. Für 2011 prognostizieren die Marktforscher 3,3 Mrd. Dollar Umsatz mit nackter Haut auf Smartphones. Insbesondere Besitzer eines iPhone scheinen sich zu Mobile Porn hingezogen zu fühlen, wenn man verschiedenen US-Studien glauben darf. Dementsprechend haben einige Anbieter für Smartphones ihre Seiten für iPhone optimiert. Aber auch die Playstation Portable wird zunehmend dafür genutzt, was Sony offiziell bedauert.
Möglich wird diese Zunahme, weil immer mehr leistungsfähige Smartphones die einfachen 08/15-Handys ersetzen, weil die Displays größer und schärfer werden, weil die Speicherkapazität der neuen Mobilfunkgeräte wächst und vor allem weil die Bandbreiten der Handy-Verbindungen deutlich wachsen: UMTS, HSDPA und
HSUPA sei Dank. Handys dürften damit der Wachstumsmarkt schlechthin für die Pornoindustrie sein. In den USA konkurrieren derzeit verschiedene Abrechnungsmodelle. Manche Anbieter kassieren vier Dollar pro Film, anderen ist die nackte Haut sogar drei Dollar pro Minute wert. Also ein nicht gerade preiswertes Vergnügen. Sogar Tagesflatrates gibt es: Für 25 Dollar kann man einen ganzen Tag schauen. Vorausgesetzt, der Akku steht das durch.
Etwas kurios stellt sich derzeit das Angebot in den USA dar. Anders als im mehrheitlich recht freizügigen Österreich oder Europa halten sich in den Vereinigten Staaten viele Mobilfunk-Provider mit offiziellen Porno-Angeboten auf ihren Seiten noch zurück. Insbesondere scheuen viele Unternehmen die technischen Hürden, die für eine funktionierende und zuverlässige Alterskontrolle erforderlich sind. Außerdem scheinen die US-Unternehmen die öffentliche Meinung zu fürchten. In Österreich wird einfach weg- oder besser gesagt zugeschaut.


Klaus Lackner, Economy Printausgabe 78-11-2009, 20.11.2009 Kommentar posten


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