Oh du mein Österreich

Oh du mein Österreich (Andy Urban)Foto: Andy Urban

Die Wirtschaft braucht die besten Köpfe der Welt, doch die Politik in Österreich stellt ihr dumme Sprüche in den Weg. Eine subjektiv gefärbte Beobachtung über die Chancen, die dieses Land kleingeistig wegwirft.

Im Vorstand der OMV sind derzeit zwei Personen mit Migrationshintergrund: der gebürtige Brite David Davies und der gebürtige Holländer Jaap Huijskes. Dennoch käme niemand auf den Gedanken, die beiden Männer als „Person mit Migrationshintergrund“ zu bezeichnen. Weil der ursprünglich von Soziologen geprägte Begriff nun die politisch korrekte Bezeichnung für „Ausländer“ geworden ist. Und zwar für die Problemfälle unter den Ausländern – die mit den schlechten Deutschkenntnissen. Viele gut ausgebildete Migranten und Migrantinnen der zweiten Generation wehren sich bereits gegen die von ihnen so erlebte neue Stigmatisierung.

Deutsch statt Holländisch
Natürlich würde auch keine Innenministerin von einem Davies oder einem Huijskes verlangen, vor der Einreise nach Österreich Deutschkenntnisse nachzuweisen. Als EU-Bürger können sie sowieso nicht zum Deutsch-Können gezwungen werden, und in ihrer Vorstandstätigkeit müssen sie nicht Deutsch können. Denn die Konzernsprache der OMV ist Englisch.
Die Internationalisierung der österreichischen Wirtschaft passiert real schneller als in den Köpfen der führenden Politiker und Politikerinnen. Bestimmte Äußerungen von Politikern sind fast putzig. So erregte Außenminister Michael Spindelegger (ÖVP) im Juni Aufmerksamkeit, als er sagte, dass Österreich Migranten brauche. Doch die von ihm genannte Zahl war weit von der Realität entfernt: 100.000 Personen bis zum Jahr 2030, um den Bevölkerungsschwund aufgrund der niedrigen Geburtenrate auszugleichen.
Im Volkszählungsjahr 2001 lebten 7.322.000 Österreicher und 711.000 Nicht-Österreicher im Land. Der Ausländeranteil betrug also 8,9 Prozent. Unter den „Österreichern“ sind auch alle eingebürgerten Nichtösterreicher inkludiert.
Auch Spindeleggers Forderung, Österreich müsse die bestqualifizierten Ausländer anziehen, ist nett. Durch die EU-Binnenmigration gibt es Wanderungsbewegungen, die Politiker nicht mehr beinflussen können. 2009 wanderten 108.000 Personen in Österreich ein, 87.000 wanderten aus. Von den Zugewanderten benötigten nur 8000 eine staatliche Genehmigung. Migranten sind mobil, und um die Besten reißen sich alle. Die werden sich dort niederlassen, wo sie Freiheit zum Atmen haben und nicht mit „Wiener Blut“-Plakaten belästigt werden.

Maier statt Hossain
Oder mit Wohnungsvermittlern, die einem jungen Mann mit dem Namen Hossain keine Wohnung vermitteln wollen. In diesem Fall wollte die Mutter, eine Österreicherin, die Geburtsurkunde ihres in Wien geborenen Sohnes vorlegen – bevor sie sich eines Besseren besann und nach einem Weg suchte, den Immobilienheini wegen Diskriminierung zu verklagen. Doch das geht in Österreich nicht. Simon Inou, kamerunisch-österreichischer Journalist, lächelte nur müde, als er in der Frage um Rat gebeten wurde. Afrikaner müssen sowieso in Parallelwelten Wohnungen suchen.
Jede vierte Person mit Migrationshintergrund arbeite in einem Job, der unter ihrer Qualifikation liege, ergab eine Studie des Instituts für Bildungsforschung, die auf Erhebungen der Statistik Austria beruht. Das ließe sich auch in Gesprächen mit dem ägyptischen Zeitungsverkäufer ums Eck oder einer iranischen Asylwerberin herausfinden. Asylsuchende erleiden durch jahrelang erzwungene Untätigkeit eine Dequalifizierung – oft in Berufen, die in Österreich dringend nachgefragt werden.
Auch Frauen, die in Österreich in die Schule gingen, perfekt Deutsch sprechen, aber aus religiösen oder identitätsstiftenden Gründen ein Kopftuch tragen, haben wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Telefonistin statt Bankbeamtin
Sie können als Telefonistin in einem Call Center arbeiten, aber nicht als Bankbeamtin hinter einem Schalter. Eine große Bank, die das ausprobierte, stellte den Versuch schnell wieder ein. Bankkunden hatten sich beschwert. Im Übrigen: Im Aufsichtsrat der OMV sind genau zwei Frauen. Sie stammen aus Dubai und aus der Türkei. Eine trägt ein Kopftuch.


Margarete Endl, Economy Printausgabe 87-10-2010, 01.10.2010 Kommentar posten


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