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Mikrokredite unterm Mikroskop

Mikrokredite unterm Mikroskop (EPA)Foto: EPA

Das Geheimrezept zur Armutsbekämpfung in der Dritten Welt wird in Zeiten der Wirtschaftskrise mit Interesse auch für den Einsatz im Westen überlegt. Doch worin besteht der Change-Wert des Basis-Kapitalismus?

Die Mikrokredit-Idee der Grameen Bank und ihres Gründers Muhammad Yunus ist nun, man glaubt es kaum, bereits 24 Jahre alt und wird ebenso lange eingesetzt. 2006 erhielt Yunus den Friedensnobelpreis und damit seine Idee auch internationale Aufmerksamkeit.
Mikrokredite sind als ein Mittel zur Bekämpfung von Armut in Entwicklungsländern gedacht und werden nach dem Selbsthilfe- und Solidaritätsprinzip nur in sehr kleinen Höhen an Menschen vergeben. Meist handelt es sich um eine Gruppe von Personen, etwa eine Dorfgemeinschaft, in der ein Mitglied für ein anderes bürgt. Insofern ähnelt die Idee sogar dem ursprünglichen Prinzip der Genossenschaft von Raiffeisen im vorigen Jahrhundert.
Vor der globalen Wirtschaftskrise war der Jubel über Yunus und seine Initiative groß, die es endlich auch den Ärmsten der Armen erlaubte, Kapitalismus zu spielen und sich gleich einmal ordentlich zu verschulden. Warum sollte das nur an der oberen Spitze der Finanzpyramide erfolgen? Schließlich sollte man seine Erfahrungen früh genug machen.

Alternative
Mikrokredite wenden sich an Menschen, die kein Kapital oder Sicherheiten zur Verfügung haben und daher von Banken als Kreditnehmer abgelehnt werden. Um sie daher nicht Kredithaien zu überlassen, wurden die Mikrokredite als Alternative erfunden. Sie werden in den Verbreitungsgebieten dieser Idee meistens von Frauen in Anspruch genommen, die sich auf dieser ökonomischen Ebene offenbar als die zuverlässigeren Kreditnehmer erwiesen haben.
Interessant war die Reaktion des internationalen Finanzmarktes auf die plötzliche Popularität des Mikrokredit-Prinzips nach der Verleihung des Nobelpreises an Yunus. Sogleich boten internationale Bankhäuser der Grameen Bank, die damals stark von Entwicklungshilfegeldern für ihre Kreditvergabe abhängig war, an, als Finanzgeber einzuspringen und dafür die entsprechenden Fonds aufzulegen. Jawohl, Mikrokredit-Fonds. Die Banker wurden nämlich hellhörig, als sie lasen, dass die Grameen Bank trotz Zinsen bis zu 20 Prozent per anno auf ihre Mikrokredite eine erstaunlich hohe Rückzahlungsrate erzielte.
„Investieren mit gutem Gewissen“, „Investieren in die Armen der Welt“, „Social Investing“, „Ethische Investments mit attraktivem Rendite-Risiko-Profil“ hieß es plötzlich von den Anlageberatern. Ja, natürlich, wenn sich die Mutti in Bangladesch für ihre 20 Prozent Grameen-Zinsen den Rücken wundrackert, dann kann der Anleger im Westen trotzdem ein gutes Gewissen bewahren. Sonst hätte sie wahrscheinlich gar nichts. Institute wie Vision Microfinance in Luxemburg oder Procredit Holding betonen daher gerne den philanthropischen Aspekt dieser Anlageform.
Etwas Erstaunliches hat sich aber gezeigt: Mikrokredite haben der Finanzkrise bisher getrotzt; die Rückzahlungsrate der Grameen Bank liegt immer noch bei stolzen 98 Prozent. Analysten und Finanzer zeigten sich erstaunt. Wie ist das möglich?
„Mikrokredite sind Realwirtschaft pur, und zwar die schönste Form der Realwirtschaft. Nämlich ein Beispiel für eine solidarische Ökonomie statt egozentrischer rücksichtsloser Renditeoptimierung“, sagt Peter Püspök, Vorstandsvorsitzender von Oikocredit Österreich.
Oikocredit ist eine ökumenische Organisation, gestützt durch Förderungen von Kirchen und kirchennahen Organisationen sowie privaten Kapitalgebern. Die Dividende aus der Anlage in die Oikokredit-Fonds ist auf zwei Prozent begrenzt.
Man kann also beruhigt feststellen, dass die Armen ihre Kredite brav zurückzahlen; insofern müssten sie eigentlich Idealkunden für jede Bank sein. Der Grund, warum der Vergleich zur internationalen Finanzkrise nicht greift, ist aber folgender: Mikrokredit-Vergaben sind Prozesse, die in eng überschaubarem Rahmen, in solidarischen Schuldnergruppen und ohne andere Finanzprodukte wie Lebensversicherung oder Bürgschaften vergeben werden, also von einer sehr geringen Komplexität sind. Weiters sind sie dem internationalen Finanzwesen nicht ausgesetzt wie vielleicht ein Schuldner im Westen, der seinen Hauskredit etwa mit einer fondsgebundenen Lebensversicherung abgesichert oder mit Fremdwährungskrediten gestützt hat.
Zum anderen werden die Mikrokreditbanken zum Großteil von internationalen Entwicklungshilfebanken gestützt und rückversichert; somit ist auch das Bankenrisiko verschwindend gering: Warum sollte das Mikrokreditsystem also für die Finanzkrise anfällig sein?
Im Gegenteil, das Finanzsystem in seinem jetzigen Zustand ist offenbar für Mikrokredite anfällig. In liberaleren Ländern Europas wie den Niederlanden und Frankreich werden Mikrokredite bereits als Starthilfe für Arbeitlose und Sozialfälle eingesetzt. Hillary Clinton will das Prinzip sogar zur Armutsbekämpfung in den Slums amerikanischer Großstädte einführen.
Vorsicht: Es wäre ja nicht der amerikanische Raubtierkapitalismus, der aus so einer Anlagengelegenheit nicht wieder ein neues lukratives Ethik-Package zimmern und über zehn Ebenen an die internationale Hochfinanz weiter verkaufen würde. Man kann ja nie wissen.
All die Begeisterung über Mikrokredite hat die Stimmen der Kritik zuletzt etwas übertönt, dennoch ist es wert, einige Gegenargumente gegen das Yunus-System anzuführen.
Eines der überzeugendsten ist, dass Mikrokredite nicht das Geringste an den makroökonomischen Strukturen ändern, die in einem Land die Armut erst schaffen. Sie führen vielmehr zu einer Privatisierung der Armut; das heißt, jemand, der durch Misswirtschaft politisch und wirtschaftlich Verantwortlicher arm wurde oder keine Chance hat, der Armut zu entfliehen, muss sich nun verschulden, um dies zu tun. Die Schuldenlast steigt statt zu sinken. 
Makroökonomische Strukturen wie etwa Agrarpolitik, gesteuert von Weltbank und Welthandelsorganisation, ändern sich nicht, und wenn sich diese Grundlagen nicht ändern, wird auch die Armut nicht geringer.
Des Weiteren ist es verdächtig, dass Mikrokredite so unverblümt als Win-win-Situation für Geldgeber wie Kreditnehmer hingestellt werden. Es gibt in der Finanzwirtschaft keine Win-win-Situationen mehr. Das ist nur ein Trostversprechen für sogenannte ethische Anleger.


Arno Maierbrugger, Economy Webartikel , 18.12.2009 Artikel mailen
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