Kunstmarkt im Überfluss

Kunstmarkt im Überfluss (EPA)Foto: EPA

Zehntausende Künstler und Bastler vertreiben ihre Exponate über den Webmarktplatz Etsy. Am anderen Ende der Individualisierungsskala produzieren chinesische Kunstmaler am Fließband kitschige Alpenszenen für den westlichen Markt. Wie Kunst die Brötchen auf den Tisch bringt.

Etsy entwickelte sich von „the next big thing“ zum Motor eines mächtigen Kunsthandwerktrends. 2005 von Rob Kalin, Chris Maguire und Haim Schoppik gegründet, wurde eine einfache Idee ins Web übersetzt: ein weltweiter Marktplatz für Kunsthandwerker und Designer, deren Bekanntheit für ein eigenes Geschäft nicht ausreicht. Ähnlich wie bei Ebay kann jeder Waren verkaufen, vorausgesetzt, sie sind selbst gemacht. Diese Definition wird inzwischen allerdings recht freizügig ausgelegt und inkludiert auch den Verkauf von Secondhandkleidung.
Das Finanzmodell von Etsy ähnelt in seiner Struktur jenem von Ebay: Für jedes angebotene Produkt sind 20 Cent Einstellgebühr zu entrichten, beim Verkauf gehen 3,5 Prozent an die Betreiber. Die Preise sind zumeist moderat, doch um Schnäppchen soll es dabei nicht gehen. Gründer Kalin will Großes bewegen: „Ich wollte die Art und Weise verändern, wie weltweiter Konsum funktioniert.“
Seit einige Designer und Künstler über Etsy sechsstellige Summen pro Jahr verdienen, steigt der Ehrgeiz der Nachkommenden. Die schlechte Wirtschaftslage treibt den Trend an, das Hobby zum lukrativen Beruf zu machen. Allein im letzten Jahr verdoppelte sich die Zahl der Mitglieder, die, inklusive Käufer wohlgemerkt, bei über drei Mio. liegen soll.
Wer mehr als Taschengeld verdienen will, muss sich allerdings von fixen Arbeitszeiten verabschieden: An Produktion, Versand und dem Design neuer Produkte sitzen viele vom Morgengrauen bis spät in die Nacht hinein. Doch die Mühe lohnt. „Wie dir jeder Künstler und Kunsthandwerker erzählen wird: Der Verkauf eines Exponats gibt einem ein unbeschreibliches Gefühl von Selbstwert, Bestimmung und Selbstvertrauen“, erzählt Samantha Tate, die in ihrem Etsy-Shop „T8designs“ alten Schmuck zu ausgefallenen, modernen Stücken arrangiert. „Mein Selbstvertrauen steigt mit dem Erfolg meines Geschäfts, und ich ertappe mich dabei, größere künstlerische Risiken einzugehen und als Künstlerin zu wachsen.“
Mit künstlerischem Wachstum haben die in den USA verbreiteten Starving Artists Art Sales (in etwa: Kunstmärkte hungernder Künstler) indes wenig zu tun. Ölgemälde werden dort „in Sofagröße“ feilgeboten und kosten bereits gerahmt zumeist unter 50 Dollar. Ins Web verlegt bieten Unternehmen wie Global Wholesale Art schließlich auch nach Künstlern sortierte Reproduktionen an: „Van Gogh, Monet, Klimt, Cezanne, Renoir, Rembrandt, da Vinci“ ist auf der Website zu lesen. Van Goghs Sonnenblumen sind im Ausverkauf ab 199 Dollar zu haben.

Gemälde vom Fließband
Den Hinweis auf unterbezahlte Künstler sollten Kunden dabei recht wörtlich nehmen. Die meisten Ölgemälde stammen aus chinesischen Malfabriken. Am Fließband werden dort arbeitsteilig schweizerische Gebirgslandschaften und Südseestrände auf die Leinwand gepinselt und die oft talentierten Maler mit wenigen Cent Stundenlohn abgespeist. Da sich die westliche Klientel lieber Exponate vermeintlich heimischer Künstler an die Wand hängt, werden die Bilder mit Namen wie „Jones“ signiert. Die besonders billigen Stücke sind mittels Öldruck hergestellt. Eine Schicht Firnis sorgt dabei für den Eindruck der Echtheit.
Die meisten im Großhandel vertriebenen Bilder gehen an Hotelketten, Restaurants oder Möbelverleihe. Allerdings sind die Starving Artists Art Sales, die in der Regel in namhaften Hotels stattfinden, auch für Privatkunden ein Anziehungspunkt. Für lokale Künstler machen Großhändler das Geschäft nicht eben einfacher. „Sie überfluten den Markt mit billiger Kunst und machen es jenen, die allein arbeiten, schwer, den Lebensunterhalt zu verdienen“, sagt der in Kalifornien arbeitende Maler John Deckert. Deckert hält es für vorstellbar, dass manche Kollegen eine Art Zuflucht in der Produktion für Großhändler finden. „Ich erinnere mich daran, als ich mich entscheiden musste, entweder weiter zu malen oder in einem anderen Bereich zu arbeiten. Es fühlte sich an, als ob mir mein Herz herausgerissen würde.“
Mittlerweile setzt sich auch auf Etsy der Markt durch. So werden originelle Designs, etwa bei Schmuck, innerhalb kürzester Zeit von Mitstreitern kopiert. Und einige Anbieter sind inzwischen sogar dazu übergegangen, ihre handgefertigten Schlüsselanhänger und Handytäschchen in China fertigen zu lassen.


Alexandra Riegler, Economy Printausgabe 84-05-2010, 28.05.2010 Kommentar posten


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