Kampf gegen die leeren Geschäfte

Kampf gegen die leeren Geschäfte (Andreas Besenböck)Foto: Andreas Besenböck

Die Wallensteinstraße im 20. Bezirk in Wien war einst eine blühende Geschäftsstraße. Nun kämpft sie gegen den Niedergang. Die Bewohner haben eine niedrige Kaufkraft. Eine Initiative will der Wallensteinstraße helfen – aber wie?

Sommer auf dem Wallensteinplatz im 20. Bezirk in Wien. Kinder kurven mit ihren Bikes um Wasserfontänen, ihre Mütter und Väter tratschen bis spätabends auf Parkbänken. Im Restaurant neben dem Kabarett Vindobona speist man gut italienisch.
Der Platz wurde mit EU-Geld saniert, da der 20. Bezirk Ziel-2-Fördergebiet war. Er lebt nun, doch die ihn querende Wallensteinstraße wird ständig ein bisschen toter. Das feine Gründerzeitgebäude am Eck enthielt einmal eine Bank-Austria-Filiale. Die fusionierte mit einer Filiale derselben Bank ein paar Hundert Meter weiter, seither steht das Lokal leer. Daneben befindet sich ein toter Heimtierbedarfsladen.

Geschäfte ohne E-Mail
Am Eck zur Jägerstraße ist ein Coffeeshop. Bis vor zwei Jahren war dort eine enge und oft volle Buchhandlung. Dann wurde ein Wettbüro daraus, nun gibt es Gehkaffee. Wer von hier zur Friedensbrücke geht, muss sich ohnehin mental stärken. Man bangt mit den paar guten Geschäften um ihr Überleben, trauert um die, die „Alles muss raus, wir sperren zu“ ankündigen, und kann sich bei leer stehenden Geschäften schon nicht mehr erinnern, was da drinnen war.
„Lebendige Wallensteinstraße“ gehört zu einem Pilotprojekt, das gegen den Niedergang von drei Wiener Geschäftsstraßen kämpft – auch die Lerchenfelder Straße und die Hernalser Hauptstraße werden betreut. Auftraggeberin ist die Stadt Wien. Wenn die Projektkoordinatorin Christine Huber-Pachler sich um eine Vernetzung der Geschäfte in der Wallensteinstraße bemüht, begegnet sie oft ungeahnten logistischen Schwierigkeiten: Viele der alteingesessenen und physisch alten Geschäftsinhaber haben nicht einmal E-Mail. Und sehen auch keine Notwendigkeit, sich auf so etwas einzulassen.

Verbrechen führt zu Niedergang
Einkaufsstraßen sind in allen Großstädten einem massiven Wandel unterworfen. Gegen die Bequemlichkeit von Einkaufszentren kommen viele nicht an. Doch bei der Wallensteinstraße gibt es auch historische Gründe, die beim Niedergang eine Rolle spielen. Der begann bereits im Zweiten Weltkrieg. Vor 1938 war die Wallensteinstraße eine der ganz großen Einkaufsstraßen Wiens. Das sieht man noch an einigen hochherrschaftlichen Gründerzeithäusern. Auch viele Juden lebten in dem Bezirk. Die Katastrophe begann mit den Verbrechen der Nationalsozialisten an der jüdischen Bevölkerung. Die durch vertriebene Juden leeren Geschäfte und Wohnungen eigneten sich irgendwelche Leute an.
Der 20. Bezirk war traditionell ein Arbeiterbezirk, Gewerbe und Industrie waren hier angesiedelt. Doch Betriebe zogen in den vergangenen Jahrzehnten an die Stadtränder. Stattdessen kamen Migranten auf der Suche nach billigem Wohnraum. „Das Augartenviertel ist überaltert, und die neuen Bewohner haben nicht die Kaufkraft, um teure Geschäfte anzuziehen“, schildert ein Geschäftsmann, der die Wirtschafts­entwicklung des Bezirks studiert hat. Wenn nun Geschäfte und Lokale frei werden, stünden die Hauseigentümer oft vor verzwickten Situationen. Eigentlich erfordern die Lokalitäten hohe Investitionen, um sie überhaupt vermietbar zu machen: Die Räume sind häufig feucht, die Stromleitungen uralt, die Heizung ein Kohleofen. Doch die Investitionen können über höhere Miete nicht hereingebracht werden, weil sich die potenziellen neuen Mieter keine hohen Mieten leisten können. Weshalb in frei werdende, unrenovierte Geschäfte Anbieter von Billigprodukten einziehen, die sich auch nicht lange halten können und ihr Lokal wieder räumen müssen.
„Lebendige Wallensteinstraße“ versucht, Lösungen anzubieten. Auf eine Vielzahl von Förderungen wird verwiesen. Doch deren derzeitige Form sei nicht zielführend, meint der anonym bleiben wollende Insider. Die meisten seien auf ein Jahr beschränkt. In Deutschland seien entsprechende Förderungen auf sechs Jahre angelegt und nachhaltiger. Die Aktivitäten der Initiative wirken dagegen wie eine Alibi-Aktion: Bunte Bänke und Konzerte sollen eine belebte Straße anzeigen.


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Margarete Endl, Economy Printausgabe 85-06-2010, 25.06.2010 Kommentar posten


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