Fein-Tuning im Reich der Mitte

Fein-Tuning im Reich der Mitte (EPA)Foto: EPA

Der Skandal um giftigen Proteinersatz in Babynahrung setzt dem Ruf der chinesischen Fertigungsindustrie zu. In vielen Bereichen sind Produktionsschwächen jedoch überwunden. Hochtechnologie ist längst „Made in China“.

Das Melamin in der Milch war mehr als nur mangelhafte Qualität. Und es war mehr als ein Zufall. Es begann damit, dass chinesische Produzenten Milch mit Wasser verdünnten, um die Produktionsmengen aufzubessern. Weil die Proteinwerte danach nicht mehr stimmten, musste ein Ersatzmittel her. Das farb- und geruchlose Me­lamin erfüllte den Zweck.
Sechs Kleinkinder starben 2008 an Nierenversagen, über 290.000 Personen sollen laut offiziellen chinesischen Angaben durch die Me­laminzugaben erkrankt sein. Zwei Personen, die die chinesische Regierung als Verantwortliche für den Skandal identifizierte, wurden zum Tod verurteilt. Unverständnis hinterließ in der Weltöffentlichkeit, wie viele Personen wie lange Zeit von der Pantscherei gewusst haben mussten. „Die Kontaminierung war ein offenes Geheimnis, das möglicherweise von Hunderten Leuten bei Dutzenden Unternehmen geteilt wurde“, schreibt Paul Midler, Autor des Buches Poorly Made in China. Heuer wurden erneut Milchprodukte sichergestellt, die mit Me­lamin, das noch aus dem Jahr 2008 stammen dürfte, versetzt waren.

Produktionsschwächen
China ist Produktionsaußenstelle für den Rest der Welt. Industrielle in der Volksrepublik schaffen es, rasch Produktionsstraßen aufzusetzen, und sie liefern billig. Die Gehälter stiegen in den letzten Jahren deutlich an, doch mit 5000 Dollar (3700 Euro) pro Jahr lassen sich Arbeiter weiterhin um ein Butterbrot beschäftigen. Industrieanlagenbauer, die in verschiedenen Teilen Asiens Projekte ausführen, bringen ihre Arbeiter oft mit, nicht zuletzt, weil diese gut ausgebildet sind.
Das chinesische Wirtschaftswunder der vergangenen Jahrzehnte brachte mit zunehmendem Wohlstand und Wachstum auch die Herausforderung, diese Neuerungen zu balancieren. Die Situation Chinas vergleichen einige Marktbeobachter mit jener Japans in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Erzeugnisse „Made in Nippon“ waren seinerzeit zwar überaus günstig zu haben, qualitativ waren sie jenen aus dem Westen aber unterlegen. Doch Japan riss das Ruder herum. Es gelang, die Ausrichtung seiner Industrie von kurzfristigen auf langfristige Gewinne zu verändern, unter anderem über die sogenannte schlanke Produktion, mit der Schwankungen in der Herstellungskette reduziert werden. Qualität war es schließlich, was den anhaltenden Erfolg Japans sicherte.

Qualitätskontrolle
Und auch in China geht es längst anders. „Wenn Ihr Markenname auf dem Produkt steht, liegt es an Ihnen, sich um die Produktqualität kümmern“, beschreibt Harold Sirkin, Autor und Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group, die Bedeutung von Qualitätskontrollen über die ganze Produktionskette hinweg. Das kostet zwar Zeit und Geld. Wie erfolgreiche Beispiele zeigen, darunter jenes des Computerherstellers Apple, sind die Maßnahmen jedoch lohnend. Apple schafft es mit seinen in China produzierten und weltweit vergleichsweise teuer verkauften Produkten zu Margen, von denen die Konkurrenz nur träumt.
Die Außenhandelszahlen Chinas verdeutlichen die Aufholgeschwindigkeit des Landes. Der Staat exportiert bereits mehr Sonnenkollektoren und auch Windturbinen als Europa und die USA zusammen. Läuft alles nach Plan, soll 2010 auch die Produktion von Atomreaktoren für Kraftwerke vorangetrieben werden. 2009 markiert für die Volksrepublik jedenfalls einen bedeutenden Etappensieg: das Jahr, in dem Deutschland als weltgrößter Exporteur vom Stockerl gestoßen wurde.

Eigener größter Kunde

Die vergleichsweise günstigen Preise, die chinesische Firmen bei Produkten im Hochtechnologiebereich vorgeben, stärken nicht nur den Außenhandel. In vielen Bereichen ist das Land zunächst einmal sein eigener größter Kunde. So investiert der Staat derzeit massiv in Alternativenergie, entsprechend groß ist die Nachfrage nach nachhaltigen Kraftwerkslösungen.
Auf Überholkurs befindet sich China auch im Biotech-Bereich. Neu errichtete Forschungszentren werden zunehmend mit aus Übersee zurückkehrenden Wissenschaftlern besetzt. Immerhin gehen mehr als die Hälfte der naturwissenschaftlichen und technischen Doktorate in den USA bereits an asiatische Studenten, ein Großteil davon kommt aus China. Die weltweit wichtigste Biotech-Region Kalifornien hat die Nase zwar noch vorne. Doch China hat eine gute Ausgangsgrundlage geschaffen.


Alexandra Riegler, Economy Printausgabe 81-02-2010, 26.02.2010 Kommentar posten


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