Wirtschaft
zur Startseite "Wirtschaft"Eine Frau für den Wiener Weg
Foto: Wolfgang Zajceconomy: Frau Brauner, Sie sind seit 25. Jänner 2007 Vizebürgermeisterin und verantwortlich für Finanzen, Wirtschaftspolitik und Wiener Stadtwerke. Was sind Ihre wichtigsten Ziele für die nächste Legislaturperiode?
Renate Brauner: Wien misst sich mit den Besten. Mein Ziel ist es daher, den eingeschlagenen Wiener Weg weiter fortzusetzen. Konkret bedeutet das weitere Investitionen in die kommunale Infrastruktur. Das sichert Lebensqualität und schafft Arbeitsplätze. Eine brandneue Studie im Auftrag der Wiener Stadtwerke belegt, dass pro Arbeitsplatz bei den Stadtwerken etwa drei Arbeitsplätze in der Wirtschaft geschaffen werden. Der Wiener U-Bahn-Bau sichert alleine 2010 etwa 7000 Jobs, wobei die Mehrheit der im U-Bahn-Bau Beschäftigten aus den Bundesländern kommt. Daran zeigt sich die Bedeutung des Standortes Wien für ganz Österreich.
In den kommenden Jahren werden wir noch mit den Folgen der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise zu kämpfen haben. Mein Ziel ist es, die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und damit auf die Menschen dieser Stadt so gering wie irgend möglich zu halten. Bislang haben wir das durch starke kommunale Investitionen auch geschafft. Wir investieren, unterstützen mit sehr spezifischen Angeboten in der Wirtschaftsförderung und mit Krediten die Wiener Wirtschaft. Wir engagieren uns mit der Wiener Ausbildungsgarantie sehr intensiv in der Ausbildung junger Menschen, in Bildung und Forschung, das heißt, wir investieren in die Fachkräfte von morgen, in die Ideen, die in Zukunft Wertschöpfung und Beschäftigung am Standort Wien sichern.
Wie wollen Sie diese Ziele – auch im Hinblick auf den derzeit immer größer werdenden Sparzwang – erreichen?
Natürlich betrifft die Finanz- und Wirtschaftskrise auch die kommunalen Einnahmen. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass wir in dieser Krise investieren und antizyklisch agieren müssen. Wir haben das mit einem Konjunkturpaket von rund 700 Mio. Euro getan, und wir haben auch 2010 unsere Ausgaben auf hohem Niveau konstant gehalten. Natürlich ist unser Schuldenstand jetzt höher als vor der Krise, aber damit sind Arbeitsplätze erhalten und Aufträge gesichert worden. Wenn die Arbeitslosigkeit zurückgeht und die Wirtschaft wieder Aufträge hat, werden wir – wie vor der Krise – wieder Schulden zurückzahlen. Wien hat von der Jahrtausendwende bis zum Ausbruch der Krise 2008 etwa ein Drittel seiner Schulden abgebaut.
Warum ist Wien Ihrer Meinung nach attraktiv? Und wie gehen Sie vor, damit Wien – noch – lebenswerter wird?
Wien ist weltweit die Stadt mit der höchsten Lebensqualität. Das hat unlängst die jährliche Mercer-Studie wieder eindrucksvoll bestätigt. Das liegt an einer hervorragenden Infrastruktur, wenn sie an den öffentlichen Verkehr denken, der weltweit seinesgleichen sucht. Das liegt daran, dass wir die sicherste Millionenmetropole der Welt sind. Und diese Sicherheit liegt auch in der sozialen Sicherheit, die Wien seinen Bürgerinnen und Bürgern bietet, an dem gut ausgebauten Netz öffentlicher Dienstleistungen für Gesundheit, Bildung, Pflege und Betreuung, an leistbarem Wohnraum. Wir haben ganz bewusst in der Krise den Gratis-Kindergarten eingeführt, der gerade aus wirtschaftspolitischer Sicht unglaublich wichtig ist. Das ist seit Jahrzehnten die größte Mittelstandsförderung. Das sind alles Ergebnisse einer sozialdemokratischen Politik, die Verantwortung für die Menschen übernimmt, investiert und nicht alles dem freien Spiel der Marktkräfte überlässt.
Wie lautet Ihre Vision zu „Wien 2030“?
Wien ist die Forschungshauptstadt Zentraleuropas und hat bis dahin mehrere Nobelpreisträgerinnen und -träger hervorgebracht. Wien ist gut geplant gewachsen, die Seestadt Aspern ist ein europaweiter Referenzstadtteil geworden, der zeigt, wie Leben und Arbeiten im 21. Jahrhundert zum Wohle der Menschen funktioniert. Wien verfügt über Vollbeschäftigung. Wir sind ökologische Musterstadt und ein Vorbild für gelungene Integration, in der Gleichberechtigung verwirklicht ist. Und um ganz unbescheiden zu sein: Rapid Wien wird bis 2030 so oft wie möglich österreichischer Meister werden.
Was unternimmt die Stadt Wien gegen die Abwanderung kaufkräftiger Bürger in den „Speckgürtel“? Wie sieht die bevölkerungs- und gesellschaftliche Entwicklung aus? Sind Sie damit zufrieden, oder streben Sie Veränderungen an?
Wien ist eine Metropole, die beständig wächst. Das spricht für die Attraktivität unserer Stadt. Wien verbindet Tradition mit Moderne, kulturelle mit wirtschaftlicher Dynamik. Und nicht zuletzt die Internationalität und Weltoffenheit machen Wien so interessant. Um zur Eingangsfrage zu kommen: Die neueste Studie zur Kaufkraft in Österreich räumt Wien zum wiederholten Male die höchste Kaufkraft aller heimischen Bezirke ein. Zudem macht wirtschaftliche Wertschöpfung ja nicht an den Stadtgrenzen halt. Wien profitiert von seiner Lage im Centrope-Raum zwischen Bratislava, Brünn, Sopron, dem Burgenland und Niederösterreich und umgekehrt. Zudem schaffen wir mit attraktiven Stadtentwicklungsgebieten wie der Seestadt Aspern neue Räume für Wiens Wachstum.
Wie lauten Ihre wichtigsten Ziele und Pläne als Stadtverantwortliche für Wirtschaft und Forschung?
Schon vor einiger Zeit hat Wien eine eigene Strategie zur Stärkung von Wirtschaft, Forschung, Technologie und Innovation entwickelt. Dabei haben wir Schwerpunktbranchen wie die Life Sciences und Biotechnologie oder die Informations- und Kommunikationstechnologien definiert. Die Erfolge der letzten Jahre in der Biotechnologie etwa geben uns recht. Schauen Sie sich nur die Unternehmen am Campus Vienna Biocenter an – ein weltweit beachteter Hotspot für Life Sciences, den die Stadt Wien mitentwickelt hat.
Diesen Weg der Investition, der Unterstützung und Förderung werde ich fortsetzen. Die Investition in Spitzenforschung trägt jetzt nämlich Früchte und bringt Wertschöpfung in ganz anderen Bereichen nicht nur wissenschaftlicher Dienstleistungen. Wir sind aber auch dabei, etwa unsere Stellung als Logistik-Drehscheibe – Stichwort Wiener Hafen – ständig weiterzuentwickeln, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen.
Welchen Stellenwert messen Sie der Branche der Informations- und Kommunikationstechnologie, kurz IKT, in Wien bei?
Unser erklärtes Ziel ist es, zur IT-Hauptstadt Mittel- und Osteuropas zu werden. Ich denke, dass wir dies zu einem Gutteil erreicht haben: Gut 5300 Unternehmen der IKT-Branche haben ihren Sitz in Wien und erwirtschaften mit 64.000 Beschäftigten einen Gesamtumsatz von gut 22 Mrd. Euro. Um die Zahlen anschaulich zu machen: Das sind etwa 70 Prozent des gesamtösterreichischen Umsatzes der IKT-Branche. Für die lokale und regionale Wertschöpfung hat die Branche eine ebenfalls immense Bedeutung. Schließlich arbeiten rund zehn Prozent der Wiener Beschäftigten in der IKT-Branche, und die Bruttowertschöpfung des Sektors ist mit 15 Prozent beachtlich.
In Niederösterreich gibt es mit Wirtschaftsförderung, Ecoplus, Regional-Innovationszentrums GmbH und Tec Net gleich vier Landesinitiativen für Betriebsgründungen, Ansiedelungen und Weiterbetreuung im Bereich Innovation und Forschung. In Wien gibt es die Wirtschaftsagentur Wien, die sich mehrheitlich um große Betriebe kümmern. Was tut Wien für kleinere und mittlere Unternehmen?
Das mit den „großen“ Betrieben muss ein Missverständnis sein: In Wien gibt es die Wirtschaftsagentur Wien mit ihren Töchterunternehmen Zit, der Technologieagentur der Stadt Wien, und Departure, der Kreativagentur der Stadt Wien, die alle gemeinsam maßgeschneiderte Förderungen, Dienstleistungen und Immobilienangebote für alle, ich betone: alle Wiener Unternehmen bieten. Die Wiener Wirtschaftsstruktur mit etwa 99 Prozent kleineren und mittleren Unternehmen bedeutet im Gegenteil, dass wir uns ganz besonders intensiv um diesen Bereich kümmern.
Unser Programm Mingo für Gründerinnen und Gründer und Kleinunternehmen ist seit einigen Jahren überaus erfolgreich. Österreichweit ist die Anzahl an Unternehmensneugründungen in Wien am höchsten. Das hat auch damit zu tun, dass die Stadt Wien mit eigenen Programmen wie Mingo oder auch unserem eigenen Frauenservice der Wirtschaftsagentur Wien für Gründerinnen Hilfestellungen bietet. Zudem sind nahezu alle unsere Förderprogramme offen für Gründerinnen und Gründer. Mit einer eigenen Nahversorgungsaktion unterstützt die Wirtschaftsagentur Wien Unternehmen der Nahversorgung in den Bezirken. Departure hat spezielle Programme für die vielen Kreativen in unserer Stadt, gerade auch zur Gründung eines eigenen Unternehmens. Mit dem universitären Gründungsprogramm Inits unterstützt die Stadt Wien Ausgründungen aus Forschung und Entwicklung.
Bei der ersten Comet-Runde wurde das mangelnde Engagement des Landes Wien im Vergleich zu anderen Bundesländern, etwa Steiermark und Oberösterreich, kritisiert. Das FTW Wien zum Beispiel hatte aufgrund der Ablehnung des Antrages Mühe, seine hoch qualifizierten internationalen Mitarbeiter zu halten. Eines der ersten Forschungs- und Entwicklungszentren aus dem seinerzeitigen K-ind-Programm im Bereich IKT, das Wiener EC3, gibt es nicht mehr. Wie sieht das aktuelle Engagement der Stadt Wien hier aus?
Wien engagiert sich sehr stark in der aktuellen Comet-Runde. An zehn Zentren, die von der FFG gefördert werden, sind Wiener Einrichtungen beteiligt; es gibt eine Ko-Finanzierung der Stadt Wien. Dazu gehört auch das FTW. Insgesamt stellt die Stadt Wien für die nächsten zehn Jahre 50 Mio. Euro für die Comet-Zentren zur Verfügung. Ich sage: Das ist ein Betrag, der sich sehen lassen kann.
Welches sind laut Ihrer Meinung die wichtigsten Forschungs- und Entwicklungsthemen der nächsten Jahre? Wie ist die Zusammenarbeit zwischen Wien und Bund in dieser Frage?
Die Zusammenarbeit mit der FFG läuft gut. Neben den Life Sciences sind das IKT, Umwelt und Energie. Allerdings würde ich mir vom Bund deutlich mehr Engagement beim Ausbau der Universitäten wünschen. Sparen im Bereich Forschung und Entwicklung ist kontraproduktiv, es ist schädlich für das Wachstum und die wirtschaftliche Entwicklung.
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