Wirtschaft
zur Startseite "Wirtschaft"Die Krise – ein heilsamer Schock
Foto: EPA„In der Tat, seit 1825, wo die erste allgemeine Krise ausbrach, geht die ganze industrielle und kommerzielle Welt, die Produktion und der Austausch sämtlicher zivilisierter Völker und ihrer mehr oder weniger barbarischen Anhängsel so ziemlich alle zehn Jahre einmal aus den Fugen. Der Verkehr stockt, die Märkte sind überfüllt, die Produkte liegen da, ebenso massenhaft wie unabsetzbar, das bare Geld wird unsichtbar, der Kredit verschwindet, die Fabriken stehen still, die arbeitenden Massen ermangeln der Lebensmittel, weil sie zu viel Lebensmittel produziert haben. Bankrott folgt auf Bankrott, Zwangsverkauf auf Zwangsverkauf. Jahrelang dauert die Stockung, Produktivkräfte wie Produkte werden massenhaft vergeudet und zerstört, bis die aufgehäuften Warenmassen unter größerer oder geringerer Entwertung endlich abfließen, bis Produktion und Austausch allmählich wieder in Gang kommen“, so schrieb Friedrich Engels in seinem Werk Anti-Dühring, jenem 1877 erschienenen Text, der zu den einflussreichsten des Marxismus gezählt werden kann. Warum? Weil er die kapitalistischen Zyklen messerscharf analysierte und die heutige Welt nicht so tun muss, als ob die Krise 2008 aus heiterem Himmel gekommen wäre.
Im Gegensatz zum 19. Jahrhundert ist das Problem von heute aber nicht die Überproduktion von Waren, sondern die Überproduktion von Kapital in Form von Krediten. Doch auch das ist nichts Neues: „In einem Produktionssystem, wo der ganze Zusammenhang des Reproduktionsprozesses auf dem Kredit beruht, wenn da der Kredit plötzlich aufhört und nur noch bare Zahlung gilt, muss augenscheinlich eine Krise eintreten, ein gewaltsamer Andrang nach Zahlungsmitteln. Daneben aber stellt auch die ungeheure Masse dieser Wechsel bloße Schwindelgeschäfte vor, die jetzt ans Tageslicht kommen und platzen; ferner mit fremdem Kapital getriebene, aber verunglückte Spekulationen; endlich Warenkapitale, die entwertet oder gar unverkäuflich sind, oder Rückflüsse, die nie mehr einkommen können“, das meinte Karl Marx im Kapital. Drittes Buch von 1894. Die Überproduktion von Kapital, dem keine Werte mehr gegenüberstanden, führte letztlich auch zum (Beinahe-)Kollaps des Finanzsystems, beginnend beim Zusammenbruch von Lehman Brothers.
Dogmas hinterfragen
Das Rezept vieler Wirtschaftstheoretiker gegen die Krise lautet „Konsum“, also die Ankurbelung der privaten Ausgaben, um den Warenkreislauf wieder in Schwung zu bringen. Doch wie groß muss ein Schock sein, um endlich auch einmal dieses Dogma zu hinterfragen?
Schon mehren sich die Stimmen, dass der Westen eine Alternative zur Überflussgesellschaft nach dem heilsamen Schock des Finanzkollapses braucht. Sogar konservative Politiker fragen sich dann und wann, ob Konsum wirklich ein taugliches Mittel gegen die Krise ist. Ist ein Wirtschaftssystem sinnvoll, das auf ständiges Wachstum angewiesen ist, also darauf, dass die Menschen immer mehr kaufen?
Mehr oder weniger wird durch das Konsumdogma nur versucht, den stecken gebliebenen kapitalistischen Karren wieder flottzumachen. Denn Konsum ist der Treiber für die Warenproduktion, und ist er erst einmal in Gang gekommen, tritt der altbekannte Mechanismus wieder in Kraft: mehr Konsum, mehr Bedürfnisschaffung, mehr Produktion, mehr Überfluss, mehr Wachstum, und das alles wieder auf Kredit mit dem begleitenden Überbau der unproduktiven Spekulanten – bis das System erneut zusammenbricht.
Es ist interessant, dass die Wirtschaft und ihre Lobbyisten den Menschen nun sozusagen die Verpflichtung aufbürden, durch ihren Konsum die Wirtschaft wieder anzukurbeln – und sich in Sonntagsreden darüber beklagen, dass es nicht schnell genug geht. Pier Paolo Pasolini, italienischer Regisseur, Dichter und Publizist, der auch recht hatte, bezeichnete diesen programmatischen Konsum in einer seiner politischen Schriften als Konsumismus, „der die Menschen mit einer Pflicht zum Konsumieren auflädt und sie veranlässt, die Konsumimperative der Wirtschaft zu erfüllen.“
Wann, wenn nicht jetzt sollte es also zum Umdenken dieses Konsumdiktats kommen? Konzepte gibt es dafür schon einige: Neue Formen des Konsums lassen sich etwa in der neuen Frugalität eines Teils des Mittelstandes in wohlhabenden Gesellschaften erkennen: in der Abkehr von Markenfetischismus, der Neubewertung von Konsum als nicht zentral bedeutend für das individuelle Lebensgefühl, für Identitätsgewinnung und soziale Abgrenzung, eine neue Sparsamkeit, ohne in Geiz zu verfallen.
Sparsamkeit ohne Geiz
Und dann wird der Wandel der Arbeitsgesellschaft, der Strukturwandel der Arbeit an sich über kurz oder lang zu einer Neudefinition des Konsumdogmas führen müssen. Während die Wirtschaft große Erwartungen in die Verkürzung und Flexibilisierung der Arbeitszeit setzt, weil damit den Menschen ja mehr Zeit zur „Selbstverwirklichung“ bleibt, kann aber auch ein entgegengesetzter Effekt eintreten: die Entkoppelung von (unbefriedigender) Erwerbsarbeit und kompensatorischem Konsum, das heißt eine Rückbildung der McDonaldisierung der Freizeitgesellschaft und eine Hinwendung zu mehr nachhaltigem Konsum, der aber wiederum dem bisher geltenden Wachstumsdogma der Wirtschaft zuwiderläuft.
Nachhaltiger Konsum, das bedeutet zum Beispiel reparieren statt wegwerfen, Gebrauchtes länger nutzen, Waren und Lebensmittel aus fairem Handel kaufen, umweltbewusste Kaufentscheidungen treffen, die Mobilität einschränken, weniger Energie verbrauchen. Die EU hat bereits ein Paket von Regelungsentwürfen dafür vorgelegt. Konkret geht es dabei um eine Änderung der Ökodesignrichtlinie, der Umweltzeichenverordnung sowie eine neue Mitteilung über umweltorientiertes öffentliches Beschaffungswesen.
Ein weiterer Schritt ist der neue Trend zum immateriellen Konsum. Der materielle Konsum ist auf die direkte Nutzung von Ge- und Verbrauchsgütern ausgerichtet. Der immaterielle Konsum benötigt hingegen keinerlei materielle Güter, wie ein neues Projekt des Instituts für Technologie und Warenwirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität Wien (www.nach-der-arbeit.at) zeigen will. Dem Projekt liegt eine neue Konsumphilosophie zugrunde, die eine Entkoppelung von Einkommen und Ressourcenverbrauch anstrebt, die „Lebensglück“ unabhängig vom klassischen Konsum bringen soll.
Christlich soziale
Christlich soziale Wirtschaftsethik? Ökosziale Marktwirtschaft? Fast scheint es, als ob uns die regulierungslosen Marktkräfte und die daraus resultierenden ungebremsten Berg- und Talfahrten mehr schrecken als ein Regulierung des Marktes im Sinne des Gemeinwohles. Wie sonst wollen wir Reparieren statt Wegschmeißen umsetzen? Arbeit schaffen statt Kosten sparen? Durch Vernunft aller?
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