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Der schöne Beigeschmack

Der schöne Beigeschmack (Andy Urban)Foto: Andy Urban

Kaufen, was einem gefällt, als persönliche Bereicherung – der Mut, Kunst zu sammeln, die andere nicht kennen – die Qualität eines Bildes und das Aussterben von Atelierfesten: der Wiener Kunsthändler Gerald Ziwna im Gespräch mit economy.

Was die bildende Kunst betrifft, werden in Österreich bei Auktionen und Messen immer Werke von denselben österreichischen Künstlern angeboten und gehandelt. Experten schätzen den kleinen Kreis der angebotenen Namen auf maximal 300 Personen. Die Zahl der lebenden und verstorbenen österreichischen bildenden Künstler von hoher Qualität und mit einem entsprechend umfangreichen Schaffenswerk wird aber mit mindestens 10.000 Namen angeführt. Gerald Ziwna, Experte für die klassische Moderne, arbeitet seit 15 Jahren die Nachlässe von umfangreichen Werken österreichischer Künstler auf. Nach der erfolgreichen Aufarbeitung des Nachlasses von Alfred Kornberger wurden bei der letzten Kunstmesse im Künstlerhaus erstmals Werke aus dem Nachlass von Leopold Ganzer präsentiert.

economy: 80 Mio. Euro wurden kürzlich bei einer Auktion in New York für einen Picasso erzielt, 6 Mio. Euro für einen alten Meister in Wien. Geht es mit den Kunstpreisen wieder bergauf?
Gerald Ziwna: Die Kunst hat nicht wirklich gelitten. Bedingt durch das wirtschaftliche Umfeld haben Sammler in der Vergangenheit etwas gebremst. Der Kunstmarkt zeichnet sich aber dadurch aus, dass Einbrüche immer nur kurz andauern und rasch überwunden werden. Zumindest ist jetzt der Ansatz zu spüren, dass die Kunstkäufer wieder mehr Vertrauen in eine beständige Investition haben.

Welche Trends gibt es national und international, sind etwa die alten Meister wieder im kommen?
Die alten Meister haben in den 90er Jahren das Interesse der Sammler verloren. Jetzt holen sie wieder auf, und das gilt insbesondere international. Generell steht aber die Kunst nach 1945 im Mittelpunkt, die klassische Moderne. Auch das wiederum primär international.

Wer kauft heutzutage Kunst?
Das sind einerseits öffentliche Institutionen wie internationale Museen und große Privatsammlungen, die manchmal auch in Verbindung mit Museen kaufen. Bei den Nationalitäten sind es England und die USA. Andererseits boomt der asiatische Raum in den letzten fünf Jahren geradezu. Es gibt aber auch viele russische Sammler, die großen Wert auf europäische Kunst legen und die auch in Wien kaufen. Die wichtigsten internationalen Drehscheiben im Kunstmarkt stellen aber weiterhin London und New York dar.

Was ist mit Österreich als Kunsthandelsstandort?
Österreich ist ein kleiner Markt, aber mit großem Potenzial. Es gibt viele Sammler, und viele davon sammeln österreichische Kunst. Der Nachteil ist, dass es einen gewissen Namenshandel gibt …

… und weitgehend immer dieselben österreichischen Maler gehandelt werden. Gibt es außer Maria Lassnig und Arnulf Rainer keine anderen guten Österreicher?
Es gibt sehr viele gute österreichische Maler. Meine Frau und ich arbeiten gezielt Nachlässe österreichischer Maler auf. Wir suchen entsprechend qualitativ hochwertige Künstler. Ich möchte hier unsere letzten zwei Nachlässe von Alfred Kornberger und Leopold Ganzer nennen. Beide hatten schon zu ihren Lebzeiten einen hohen künstlerischen Stellenwert, waren aber im Kunstmarkt nicht verankert.

Das erscheint aber nicht logisch.
Viele Künstler sind von Ihrer Natur her eher zurückhaltend. Sie bilden nur einen kleinen Kreis, wo sie handeln, teilweise mit öffentlichen Institutionen oder ausländischen Sammlern. Sie sind gar nicht interessiert an der Zusammenarbeit mit dem Kunstmarkt, etwa in Form von Galerien.

Stichwort Nachlässe: Sie haben viele Jahre eine Galerie in der Wiener Innenstadt betrieben und sich dann auf Nachlässe spezialisiert. Allein das Werkverzeichnis von Alfred Kornberger („Der Akt als Innovation“, Anm. d. Red.) weist über 1300 Ölbilder auf. Bei der letzten Kunstmesse im Wiener Künstlerhaus haben Sie erste Bilder aus dem umfangreichen Werk von Leopold Ganzer präsentiert. Warum tut sich ein erfolgreich etablierter Kunsthändler so einen Aufwand an?

Wir arbeiten schon seit 15 Jahren Nachlässe mit Schwerpunkt klassische Moderne auf, etwa Franz Elsner oder Carl Unger. Es ist in der Tat ein großer Aufwand, zeitlich und finanziell. Mit der Auflösung der Galerie können wir uns nun ganz auf die Nachlässe konzentrieren und hier auch internationale Sammler ansprechen, die Wert auf qualitativ hochwertige österreichische Kunst legen, welche eben noch nicht entsprechend aufgearbeitet ist. Das Verhältnis Qualität zu Preis/Leistung ist hier besonders interessant.

Das heißt, neben der Liebe zur Kunst gibt es schon auch einen kommerziellen Aspekt?
Natürlich, das Verhältnis Qualität zu Preis/Leistung ist bei der Aufarbeitung von ganzen Nachlässen besonders interessant und für Sammler somit auch entsprechend attraktiv.

Thema Kunst als Investment. Wie baut man eine Sammlung auf?
Ich sage immer meinen Kunden: Man soll nie Kunst kaufen, nur um Wertigkeit zu sammeln. Kaufen soll eine persönliche Bereicherung sein, es braucht einen Bezug zur Kunst, und man soll nur das kaufen, was auch gefällt. Die Wertigkeit muss primär eine seelische sein. Das Investment und seine Vermehrung ist dann der schöne Beigeschmack.

Was wünschen Sie sich für die österreichische Kunstszene?
Schön und wichtig wäre, wenn es wieder mehr Kunstvereinigungen gäbe, so wie das früher der Fall war, und damit meine ich nicht nur die Wiener Werkstätten. Das war auch einmal der Sinn des Wiener Künstlerhauses und der Wiener Secession. Zur Jahrhundertwende gab es die Kunstschau, nach dem Krieg dann den Hagenbund. Es gibt aber auch selten große Atelierfeste, wo Sammler eine neue Schaffensperiode oder einen Zyklus sehen und kaufen können. Ideal ist aber ebenso das Internet als Plattform der Präsentation, die ja gleichfalls ständig wächst. Aber es liegt auch sicher daran, dass viele Kunstsammler zu wenig Mut und Interesse zeigen, für Neues und Unbekanntes aufgeschlossen zu sein. Darüber hinaus wäre es gut, wenn die Medien mehr darüber berichten würden, in einer fast alltäglichen Aufklärung und Kunstbegleitung, die dann ins Bewusstsein der Menschen übergehen kann. Kunsterwerb ist zwar in einer gewissen Preisklasse ein Privileg, aber nicht unerschwinglich.

Was macht ein qualitativ gutes Bild aus?
Bei jedem Kunstwerk gibt es ein Qualitätskriterium. Egal ob alter Meister, klassische Moderne oder zeitgenössische Kunst. Nehmen wir ein expressives Stillleben, Früchte und Krug liegen vor dem Künstler. Ist das Bild im Kopf fertig, gelingt ein Werk aus einem Guss. Ist es mental nicht fertig und der Künstler wusste nicht so ganz, wie er den Krug expressiv richtig darstellt, fängt er am Malgrund zu experimentieren an. Das sieht und spürt man, dass der Künstler das Gewollte nicht umsetzen kann, denn er beginnt mit der Farbe zu patzen, worunter die Qualität leidet.

Muss ein guter Künstler akademisch gebildet sein, oder gibt es auch gleichwertige Autodidakten?
Gute Künstler, die nicht auf der Akademie waren, die sich also selbst geformt haben, können den gleichen Stellenwert haben wie die bestausgebildeten Künstler einer Akademie.

Nochmals zum Kunststandort Österreich: Bei den großen österreichischen Kunstauktionen fällt auf, dass viele Objekte ins Ausland gehen. Fehlt es den Österreichern an Kunstverständnis?
Nein, das kann man so nicht sagen. Da Österreich ein kleines Land ist und das Käuferpotenzial, so wie international, generell gering ist, schlägt sich das folglich auch auf dem Kunstmarkt nieder. Die österreichische Kunst selbst gelangt nur gemäßigt ins Ausland. Ausnahmen sind österreichische Nachbarländer, die schon auch bildende Kunst aus Österreich kaufen. Nicht vergessen bei ausländischen Kunden darf man ausgewanderte Österreicher.

Sie haben anfangs die Rolle der Museen im Kunstmarkt erwähnt. Finden Sie diese zufriedenstellend?
Nein, hier gibt es großen Verbesserungsbedarf, weil die zuständigen Kuratoren oder Direktoren nicht nur auf Qualität oder auf eine spannende Präsentation österreichischer Künstler achten, sondern vermehrt ihre Aufgabe als Leiter eines Museums in einer Weltstadt sehen, in der weiteren Folge des vorgegebenen internationalen Museenprogramms. Das gilt insbesondere für Museen, die eigentlich die Verpflichtung haben, bildende Kunst aus Österreich zu bringen. Auch Künstler, deren Werk eben noch nicht komplett aufgearbeitet ist.

Welches Museum ist hier gemeint?
Zum Beispiel die Österreichische Galerie, wo es eigentlich den Auftrag schon immer gab, österreichische Kunst zu fördern und zu präsentieren. Leider sucht man heute generell nur die großen ausländischen Namen, um bei den Besucherzahlen auf der sicheren Seite zu sein. Dadurch leidet die österreichische Kunst. Es gibt schon auch Ausstellungen österreichischer Künstler, die werden aber subjektiv und nicht qualitativ ausgesucht. In der Albertina könnte man ebenso mehr Österreicher aufarbeiten, die noch keinen Namen haben, aber hochwertig sind und international mithalten können. Das müsste man doch mit Stolz fördern. Dafür haben sich etwa Rudolf Leopold oder Karlheinz Essl und nun auch Herbert Liaunig immer eingesetzt, sie besitzen den Mut, noch nicht so bekannte Künstler zu erwerben und dann auch in ihren Museen vorzustellen. Aber muss da erst ein Privater ein Museum bauen können, um unsere heimischen Künstler zu fördern?

Letztendlich ist das eine politische Frage. Museen müssen ihren öffentlichen Geldgebern eine möglichst hohe Auslastung präsentieren. Die bekommen sie aber nur mit großen Namen und nicht mit guten, aber leider nicht so bekannten Österreichern.
Und darum braucht es von der öffentlichen Hand mehr Geld für die Museen. Oder wenn man für Kunstinvestoren ein freundlicheres Steuerpaket schnüren würde, gäbe es sicher auch mehr Firmen, die sich als Sponsoren mancher Museen hergeben würden, siehe Modell in Amerika. Deshalb funktioniert der Kunstmarkt dort so großartig. Ansätze gibt es ja schon von großen Versicherungen und Banken. Aber es müssten mehr Gesellschaften auf diesen Zug aufspringen können. Museen müssen ja auch in der Lage sein, weniger bekannte Künstler zu präsentieren, wo sowohl die Qualität stimmt als auch ein großes, noch nicht aufgearbeitetes Schaffenswerk da ist. Es wäre auch die Aufgabe der Kuratoren, sich ein größeres Spektrum herzunehmen als immer nur dieselben 300 Namen, die man in Österreich kennt. Es gibt circa 10.000 lebende und verstorbene bildende Künstler in Österreich, die es wert wären, dass man sich mit ihnen auseinandersetzt, um dann zumindest zehn Prozent davon aufzuarbeiten.

Und die Albertina zeigt dafür demnächst Porzellan aus Meißen. So als ob es in Österreich keine Susi Singer, Vally Wieselthier, Kitty Rix oder keinen Eduard Klablena, Michael Powolny, Bertold Löffler oder auch keine Augarten-Manufaktur, keine Wiener Werkstätte gegeben hat, die zumindest genauso gut sind.
Ich würde sogar sagen, sie sind wesentlich besser, kreativer! Sehen Sie, das meinte ich zuvor: dass wir zu wenig nationalen Stolz besitzen, um unsere tollen Künstler aufzubauen, das ist wirklich sehr bedauerlich! Österreichische Künstler, egal ob sie verstorben sind oder noch leben, und die heimischen Manufakturen können international absolut mithalten, werden aber nicht einmal im eigenen Land genügend gewürdigt.


Christian Czaak, Economy Printausgabe 84-05-2010, 28.05.2010 Kommentar posten

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