Der Schamane des Klanges

Der Schamane des Klanges (privat)Foto: privat

Der österreichische Gitarrenbauer Tobias Braun arbeitet in einer weltumspannenden Nische.

„Wir verwandeln Holz in Emotion.“ Wenn Tobias Braun über seinen Beruf spricht, kommt seine ganze Liebe zu seinem Handwerk zum Ausdruck. Tobias Braun ist einer von nur zwei österreichischen Gitarrenbauern, die sich ausschließlich dem Bau klassischer Konzertgitarren widmen. Die meisten seiner Kollegen – in Österreich und anderswo – betreiben neben dem Gitarrenbau noch einen Musikalienhandel und ein Reparaturservice.
Zwischen 80 und 100 Arbeitsstunden wendet Braun für die Fertigung einer Gitarre auf; diese verteilen sich wegen der Trocknungszeiten und der Logik einzelner Arbeitsschritte auf zwei bis drei Monate. Stets hat Braun mehrere Instrumente gleichzeitig in Arbeit. Die Klientel ist groß, die Auftragsbücher sind voll. Von Krise keine Spur.

Vom Autodidakt zum Meister
Der Neubau von klassischen Konzertgitarren spielt sich in einer Nische ab, die aber weltumspannend ist. Die Kollegen respektive die Konkurrenz Brauns sitzen in England oder Schweden, in Amerika oder Australien. Doch die Szene ist überschaubar: Weltweit sind es nicht einmal 200 Gitarrenbauer, die ausschließlich neue Stücke fertigen. Diejenigen, die über große Händler international vertreten sind, arbeiten auf höchstem Niveau. Braun vergleicht: „Es ist wie in der ATP-Liste im Tennis; in den Top 100 sind sehr viele gute Leute.“ Deshalb weiß er auch: „Ausschließlich vom Neubau von Gitarren leben und eine Familie ernähren zu können, ist ein großes Glück.“
Tobias Braun, Jahrgang 1960, hat als Autodidakt begonnen. Parallel zu seinem Studium der Publizistik und Germanistik baute er im Alleingang seine erste Konzertgitarre. „Ich habe immer gern Gitarre gespielt und auch gern gebastelt. Aber ich habe damals gerade gewusst, wie man Hobel schreibt, nicht aber, wie man einen solchen richtig bedient.“
1984 landete er dann einen wahren Glückstreffer, als er den ersten öffentlich zugänglichen Gitarrenbaukurs bei José Romanillos in Zürich besuchen durfte; denn so ein Kurs auf höchstem Niveau wurde damals zum ersten Mal überhaupt veranstaltet. Noch heute schwärmt Braun: „Diese drei Wochen bei einem der weltbesten Gitarrenbaumeister waren der Himmel auf Erden. Ich habe dort das gelernt, was andere in drei Lehr- und Gesellenjahren lernen.“


Handwerk und Persönlichkeit

Heute ist Braun in der internationalen Szene eine feste Größe. Neben dem direkten persönlichen Kontakt zu professionellen Musikern, Musikstudenten und ambitionierten Amateuren ist er mit seinen Meisterstücken bei Händlern in England, Japan und den USA präsent. Auch wenn er selbst sich in Understatement übt: „Meine Gitarren werden überall auf der Welt gespielt, und ich habe weltweit keinen ganz unbekannten Namen.“
Was fasziniert ihn an diesem Beruf? Es ist vor allem einmal die Homogenität des handwerklichen Prozesses, die in anderen Berufen heute nicht mehr oft zu finden ist. „Ich gehe in den Wald und suche mir einen Baum aus, der irgendwann eine Gitarrendecke ergeben wird.“ Von da an begleitet er sein Material von der Lagerung des Holzes über die Verarbeitung der einzelnen Teile bis zum fertigen Werkstück.
Da ist aber auch die enge Verknüpfung zwischen dem Instrument und dem Wesen des Erbauers. Sein Lehrer hat ihn gelehrt: „Die Gitarre ist ein Ausdruck deiner Persönlichkeit.“ Braun selber beschreibt das philosophisch: „Wir sind einer der ganz wenigen Berufe, die zwischen der Materie und dem immateriellen Raum hin und her pendeln. Wir verwandeln Holz in Emotion. Wir sind Reisende zwischen zwei Welten, wie es sonst vielleicht nur Ärzte zwischen Leben und Tod oder Schamanen zwischen Sein und Nicht-Sein sind. Das ist etwas sehr Faszinierendes.“

Neue Dimensionen erschließen
Und was zeichnet eine Tobias-Braun-Gitarre aus? Der Meister nennt zwei Hauptkriterien: „Meine Instrumente reagieren schnell und setzen die Klangvorstellungen der Musiker sehr leicht um. Und sie haben einen sehr transparenten Klang, sodass man bei einem mehrstimmigen Stück die Notenlinie jeder einzelnen Saite ganz klar hören und verfolgen kann.“
Doch die schamanische Magie des meisterlichen Handwerks kommt dann vollends zum Vorschein, wenn die Musiker in ihrem Spiel merken, dass ihnen diese besondere Gitarre völlig neue Dimensionen des klanglichen Ausdrucks ermöglicht und erschließt. Tobias Braun: „Das ist für viele ein unglaubliches Erlebnis.“


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Gerhard Scholz, Economy Printausgabe 81-02-2010, 26.02.2010 Kommentar posten


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