Wirtschaft
zur Startseite "Wirtschaft"Das Problem der Zukunft ist nicht die neue Technologie, sondern ihr Markt.
Foto: Walter Benjamin sagte, wenn Medien sich verändern, verändert sich die Gesellschaft. Die Fernsehdemokratie hat die Politik verändert, das Internet fängt gerade erst damit an. Der Umbau der Welt durch die digitale Revolution ist mit Mobiltelefon, Internet und iPad noch nicht abgeschlossen. Fotografie war die Technik, die das Abbild im 19. Jahrhundert technisch reproduzierbar machte. Durch die Kleinbildkamera entwickelte sich im 20. Jahrhundert die Fotografie zum Massenmedium für den Privatgebrauch. Doch erst die Digitalfotografie des 21. Jahrhunderts demokratisiert das Medium vollständig. Der Fotoamateur kann heute knipsen, bis der Akku leer ist. Er kann dank Kamera, Technik und Bildbearbeitung auf dem Computer Ergebnisse erzielen, die von jenen der Profis oft nicht mehr zu unterscheiden sind. Erinnerungen in sieben Mio. Pixeln festzuhalten ist praktisch. Digitale Bearbeitung wird – anytime, anywhere, anyhow – wie selbstverständlich vorausgesetzt, weil dem Künstler gar nicht mehr zugetraut wird, mit seiner Kamera eine bestimmte Stimmung einzufangen, die mit Wirklichkeit zu tun hat. Immer öfter werden wir Kindern, die vor einem Bild stehen, erklären müssen, dass in die Realität manches „reinmontiert“ wurde. Ihnen wird was vorgepixelt, wie den 53 Prozent aller US-amerikanischen Grundschüler, die heute schon glauben, Milch sei ein synthetisches Produkt.
Das Internet verbindet alle Computer auf der Welt und transportiert jede digitalisierte Info oder Dienstleistung überallhin. Seither gibt es ein neues Wort, in dem sich alle Hoffnungen bündeln: Wissensgesellschaft. Die unbeschränkte Verfügbarkeit von „Wissen“ soll die Benachteiligten der Erde zu Wissenden machen. „Information at your fingertips“ lautet eine verlockende Formulierung von Bill Gates für das neue Versprechen. Dass die Information unter unseren Fingerspitzen gelesen, bedacht, verstanden werden muss, bevor sie wirklich zu Wissen wird, spielt eine untergeordnete Rolle. Das Medium Internet wird nicht in erster Linie als Instrument betrachtet, mit dem wichtige Ziele leichter erreicht werden können – es verschmilzt mit diesen, es wird zum Inbegriff des Fortschritts selbst. „Wir träumen von dem Tag, an dem das Internet ein Recht sein wird wie Brot“, inserierten 1995 mehrere Computerkonzerne. In dieser neuen, besseren Welt werde der Umgang mit dem PC zu einer „vierten Kulturtechnik“ neben Lesen, Schreiben, Rechnen – so sieht es Microsoft. Ein Menschenrecht wie Brot: Wenn das kein quasireligiöses Heilsversprechen ausmacht, dann ist die katholische Kirche ein Softwareunternehmen und der dialektische Materialismus eine Art Betriebssystem. Apple setzt dem Ganzen noch das i-Tüpfelchen drauf. Mit Plakaten, auf denen iBooks und richtige Bücher abgebildet waren, unter der Schlagzeile: „Die einzigen Bücher, die du brauchen wirst.“ Subtext: Bücher sind überflüssig, wenn man alle Infos auf dem Laptop mit sich herumtragen kann.
Um es klar zu sagen: Es geht nicht darum, Maschinen zu stürmen, E-Mails zu verbieten und eine kleine Blockhütte im Wald zu beziehen. Sondern darum, dass es keine Verpflichtung geben kann, bei jeder Kritik an den schädlichen Nebenwirkungen der digitalen Kultur die ganze Liste ihrer Segnungen herunterzuleiern. Es geht darum, dass freie Menschen das Recht haben, Technik zu benutzen, ohne sie anbeten zu müssen.
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