Das Kunstwerk als Wertpapier

Das Kunstwerk als Wertpapier (EPA)Foto: EPA

Der internationale Kunstmarkt ist rund 20 Milliarden Euro jährlich schwer. Es ist ein Geschäft, das von Sammlern, Galeristen, Investoren und Kuratoren bestimmt wird, weniger von den Künstlern selbst. Doch Selbstvermarktung spielt eine wichtige Rolle.

Das teilweise romantische Klischee des genialen Künstlers, dem Zeit seines Lebens Anerkennung versagt bleibt und der verarmt in einem Dachstübchen stirbt, hat heute im modernen Kunstbetrieb mehr oder weniger ausgedient. Die zeitgenössische Kunstszene wird von den Mechanismen des internationalen Kunstmarktes bestimmt, und dieser ist rund 20 Mrd. Euro jährlich schwer.
Der offene Markt für Kunst ist eine Funktion des Kunstschaffens in demokratischen Marktwirtschaften. Kunst ist zur Ware geworden, wie eine Aktie, mit der Sammler, Galeristen, Auktionshäuser und Spekulanten versuchen, Geld zu machen. In der New Economy des Kunstmarktes begeben zeitgenössische Künstler ihre Werke wie ein Wertpapier, und die Preisbildung rund um ein Werk folgt einem komplexen Zusammenspiel zwischen den Protagonisten des Kunstmarktes und der Fähigkeit des Künstlers selbst, sich und sein Werk zu vermarkten.
Im Gegensatz zur eher solitären Kunstauffassung des „intellektuellen“ Künstlers, der den Kunstmarkt verachtet und Kunst als Selbstverwirklichung, als individuell-kreativen Akt, als verklausulierte Antwort auf Gesellschaft und Ästhetik sieht, ist der Kunstschaffende der Postmoderne eher Eklektizist, der die Grenzen zwischen Design, Popkultur und Hochkultur verschwimmen lässt.

Preisfindung heute
Ein wesentliches Merkmal des modernen Kunstmarktes ist es, dass die avantgardistische Rolle des Künstlers kaum mehr wichtig ist. Die Beurteilung von Wert und Relevanz eines Kunstwerkes hat nichts mehr mit einem Eliteverständnis zu tun, wie es zu Beginn der Moderne der Fall war. Heute werden Wert und künstlerischer Impetus eines Werkes von einem komplexen Netzwerk aus privaten Sammlern, Auktionshäusern, Kunstberatern, Museumskuratoren und Kunstkritikern bestimmt, und im Wesentlichen geht es darum, kurzfristige Modeströmungen von nachhaltigen Werken zu unterscheiden – im Sinne einer gewinnbringenden Geldanlage.
Den letzten Rekordpreis bei einer Auktion erzielte allerdings nicht das Werk eines aufstrebenden jungen Künstlers, sondern ein Bild von Pablo Picasso aus dem Jahr 1932, das kürzlich bei Christie’s für 106,4 Mio. Dollar (86,2 Mio. Euro) versteigert wurde. Damit holte Picasso den bisherigen Rekordhalter Alberto Giacometti ein, von dem eine Skulptur im Februar 2010 um 104 Mio. Dollar versteigert wurde.
„Wir beobachten, dass vor allem die großen Namen gesammelt werden: Picasso, Monet, Matisse, Rothko. Alles, was einen nachweisbaren Erfolg bei Auktionen hat, befindet sich auch im Fokus der Käufer“, sagt Simon Shaw, Vizepräsident des Auktionshauses Sotheby’s in New York.
„Das, was jetzt auf dem Kunstmarkt ist, kann man mit dem vergleichen, was auf dem Aktienmarkt als ‚Blue Chip‘ bezeichnet wird – Aktien von namhaften, soliden Unternehmen, die in den Indizes gelistet sind“, beschreibt Shaw die derzeitige Situation auf dem Kunstmarkt.

Kreditkrise fordert Opfer
Ab Mitte 2005 erlebte der Kunstmarkt einen wahren Boom, mit der Kreditkrise folgte 2008 jedoch die Ernüchterung in Form einer markanten Korrektur. Viele Auktionshäuser reagierten auf das negative Umfeld, indem sie weniger oder weniger teure Objekte in ihren Katalog aufnahmen oder dem Verkäufer keinen Mindestpreis mehr garantierten, erklärt Juliette Lim Fat, Analystin bei der Credit Suisse.
„Die Tage, als Kunstwerke in Sekundenschnelle den Besitzer wechselten, sind längst vorbei. Die Käufer wiederum zeigten sich zurückhaltender, weil ihr Vermögen 2008 und Anfang 2009 durch die Aktienbaisse geschmälert worden ist“, so Fat.
Ein wesentlicher Teil der Grenzkäufer von (zeitgenössischer) Kunst waren nämlich in den vergangenen Jahren erfolgreiche Hedgefonds-manager und sehr vermögende Privatpersonen aus Schwellenländern. Mit der Korrektur im Kunstmarkt boten sich allerdings Sammlern, die länger nicht aktiv und damit nicht am jüngsten Boom beteiligt waren, auch attraktive Gelegenheiten. Zudem bleibt den Interessenten nun mehr Zeit, sich mit einem Bild zu befassen, bevor sie eine Kaufentscheidung treffen.
Kunst, so Fat, sei für ein ausgewogenes Anlageportfolio weiterhin von Interesse, unter anderem zur Diversifizierung und Inflationsabsicherung.


Arno Maierbrugger, Economy Printausgabe 84-05-2010, 28.05.2010 Kommentar posten


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