Bald gibt Nabucco Vollgas

Bald gibt Nabucco Vollgas (Photos.com)Foto: Photos.com

Alle Jahre wieder dreht Russland den Gashahn zu. Europa reicht’s. Noch vor dem Sommer soll der politische Startschuss für die Nabucco-Pipeline – vorbei an Russland – fallen. Doch aus Moskau und sogar Berlin kommen Störfeuer, und die Krise bringt die Finanzierung des Milliardenprojekts vorzeitig ins Wanken.

Russland hat in diesem Winter wohl einmal zu oft am Gashahn gedreht: Noch diesen Frühling könnten die Transitländer den politischen Startschuss für die Nabucco-Gaspipeline geben, meint Nabucco-Geschäftsführer Reinhard Mitschek. Die über 3000 Kilometer lange Pipeline soll ab 2013 Gas vom Schwarzen Meer über die Türkei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich und ganz Europa liefern. Die österreichische OMV ist als Konsortialführer Hauptdarsteller Nabuccos.
Warum eine Gaspipeline den Namen einer Verdi-Oper trägt, ist schnell erklärt: Türkische und österreichische Spitzenmanager hatten 2002 kurz vor
ihrem Besuch der Wiener Oper über das Pipeline-Projekt sinniert und tauften ihre Vision kurzerhand nach ihrem Abendprogramm. Nicht unpassend, geht es auch bei „Nabucco“ um einen Freiheitskampf (jenem des jüdischen Volks gegen die babylonischen Unterdrücker).
Ein wichtiger Akt war die Konferenz in Budapest Ende Jänner, bei der die Europäische Investmentbank (EIB) und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung EBRD ihre Finanzierung zusagten. Eine noch konkrete Zusage kam von der EU, die 200 Mio. Euro zum insgesamt sieben Mrd. Euro schweren Projekt zuschießen will.

Viele Knoten in der Pipeline

Bei aller Dynamik durch Gaskrise und Budapest-Konferenz: Bis zur Verlegung der ersten Rohre ist es noch ein weiter Weg. Mit der Finanzkrise stellt sich die Frage, wie viel finanzielle Versprechen wert sind, wenn EIB, EBRD und EU in Osteuropa ganze Länder vor dem Kollaps retten müssen. Nächster Unsicherheitsfaktor ist die Türkei. Nabucco ist das ideale Druckmittel bei den stockenden Verhandlungen über den Beitritt des Landes zur EU. Zwar hat der türkische Premierminister Erdogan jegliches Junktim bestritten. Doch die Versuchung am Bosporus, Nabucco als Trumpf einzusetzen, bleibt groß.
Nächster Stolperstein: Der Kreml duldet keine Pipelines außerhalb seiner Einflusssphäre und tut alles, um die künftigen Lieferländer für Nabucco, Aserbaidschan, Turkmenistan und Kasachstan, durch Exklusivverträge auf seine Seite zu ziehen. Und sogar Berlin macht einen Knoten in die Pipeline: Auf Drängen der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde Nabucco im Energiestrategie-Papier der EU nicht explizit genannt, nur vom „Südkorridor“ ist die Rede. Sie will, dass das Nordsee-Pipeline-Projekt von Ex-Kanzler Schröder Priorität erhält. Russland freut’s – Gazprom ist mit 51 Prozent Mehrheitsaktionär an Nord Stream, die Pipeline wird ab 2011 russisches Gas über die Ostsee nach Deutschland liefern.
Bei all den Stolpersteinen stellen die Betreiber Nabuccos die heikelste Frage hintan: Soll im Vollausbau auch iranisches Gas zum Einsatz kommen? Ener­gieanalysten halten das Projekt ohne diese Option für sinnlos und nicht rentabel, doch für die Vereinigten Staaten wäre der Deal Europas mit ihrem Erzfeind eine diplomatische Kriegserklärung.
Mitschek ist trotz aller Stolpersteine zuversichtlich, dass Nabucco schon ab 2013 nicht-russisches Gas nach Europa liefern wird. Zur wackligen Finanzierung meint er im Gespräch mit economy: „In Zeiten größerer Vorsicht auf dem Finanzsektor haben Projekte wie Nabucco den entscheidenden Vorteil, dass sie durch ihre Rohstoffbasierung attraktiv sind. Aus zahlreichen Vorgesprächen wissen wir, dass Finanzinstitutionen wie EIB und EBRD diese Bereiche bevorzugen, weil Langzeitverträge Sicherheiten bieten und durch die Errichtung auch andere Wirtschaftsbereiche wie Bau- und Stahlindustrie angekurbelt werden.“
In der Türkeifrage vertraut Mitschek auf den Partner, die türkische Botas, die wie alle anderen Partner einen Anteil von 16,67 Prozent am Nabucco-Projekt halte. Die heikle Frage im Hinblick auf iranisches Gas ist für ihn nicht entscheidend: „In Turkmenistan wurde ein einziges Gasfeld, das Yolatan-Feld, von internationalen Experten mit dem Ergebnis untersucht, dass allein damit drei Nabucco-Pipelines zu füllen wären.“ Jetzt schon sehr interessiert, Gas über Nabucco zu liefern, sei der Irak, fügt Mitschek hinzu.

Gefahr durch Abwerbung

Die Gefahr einer Abwerbung der Lieferländer am Schwarzen Meer durch Russland sieht der Nabucco-Geschäftsführer nicht. Sowohl Aserbaidschan als auch Turkmenistan seien daran interessiert, ihr Kundenportfolio zu erweitern und neue Absatzmärkte in Europa zu erschließen. Die Signale aus Kasachstan nähren diesen Optimismus nicht gerade. Sein Land müsse bei der Vergabe seiner Energiereserven auch die Interessen Moskaus beachten, meinte der kasachische Regierungschef Karim Massimow Anfang Februar. Ein Ärgernis für die Europäer.
Bei allen Störfeuern, auch jenen aus Berlin, ist Reinhard Mitschek überzeugt, dass unser Kontinent jegliche neue Erdgasquelle brauchen wird. „In Europa besteht in den nächsten zehn bis 20 Jahren zusätzlicher Importbedarf für 150 Milliarden Kubikmeter Gas. Daher werden mehrere Infrastrukturprojekte nötig sein, um diese Menge an Gas zu transportieren.“ Na­bucco und die parallel dazu geplante South Stream im „Südkorridor“ sollen im Vollausbau je 30 Mrd. Kubikmeter, Nord Stream 55 Mrd. Kubikmeter liefern.
Über Sein oder Nichtsein von Nabucco entscheidet nicht zuletzt der Zeitfaktor: Neben Russ­land stehen auch Länder wie China, Pakistan und Indien um Gas aus Zentralasien Schlange. Beschleunigen die Europäer ihre bekannt trägen Entscheidungsstrukturen nicht, könnte der Vorhang für Nabucco ohne Happy End fallen. Dann bleibt nur noch ein wehmütiger Blick zurück zum Besuch von Verdis Oper. Dort glückt der Freiheitskampf.


Clemens Neuhold, Economy Printausgabe 71-03-2009, 27.03.2009 Kommentar posten


Beschleunigte Kommunikation

Beschleunigte Kommunikation

Expertenkommentar Christian Angerer, T-Systems. Zusammenarbeit über Organisationsgrenzen ... mehr

Prädikat: ungeeignet

Prädikat: ungeeignet

Traditionelle Zahlverfahren sind vielfach nicht für den Internethandel geeignet. Wer ... mehr

Der Kunde aus dem Netz

Der Kunde aus dem Netz

Expertenkommentar Agnes Heftberger, IBM. Heute kann man praktisch zu jeder Zeit, fast jedes ... mehr

T-Systems gewinnt weltweit Cloud-Verträge in Millionenhöhe

T-Systems gewinnt weltweit Cloud-Verträge in Millionenhöhe

Die Zahl cloud-basierter Verträge steigt rasant. ITK erhöht Unternehmenswert der ... mehr

Auf gut Glück

Auf gut Glück

Vielen Unternehmen fehlen die Grundlagen für treffsichere Analysen. Business Intelligence soll ... mehr

Standardisiert erfolgreich

Standardisiert erfolgreich

Innovative Produktideen scheitern oft schon lang bevor ihr Potenzial ausgelotet wurde. Und oft wird ... mehr

T-Systems mit rund 19%-iger Auftragssteigerung im dritten Quartal

T-Systems mit rund 19%-iger Auftragssteigerung im dritten Quartal

Auftragsgeschäft Neugabschlüssen und Vertragsverlängerungen, Qualitätssicherung bei ... mehr

Regionale Innovatoren

Regionale Innovatoren

Das Dienstleistungsangebot der Impulszentren wird ausgebaut. Mitte der Neunziger Jahre boomten ... mehr

Telekom Austria Group Business School feiert einjähriges Jubiläum

Telekom Austria Group Business School feiert einjähriges Jubiläum

Internes Fortbildungssystem für die Top-Talente des gesamten Konzerns mit Professoren ... mehr

IBM Finanzierung für den Mittelstand

IBM Finanzierung für den Mittelstand

Eine Milliarde US-Dollar für die Finanzierung von mittelstandsgerechten IT-Lösungen. IBM ... mehr

Gute Nachrede

Gute Nachrede

Der Internethandel prosperiert. Damit der einzelne Händler im Web erfolgreich ist, muss er das ... mehr


 

Der Befreiungsschlag.

Es wird ein Schlag werden. In den Gatsch. Die "sicheren" Vertragspartner geben allen Grund dazu. Mehr denn je werden mehrere zweifelhafte Staatsgebilde künftighin als Erpresser auftreten können. Und sie werden. Verlaßt euch darauf.

Ihre Meinung:

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
Image CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.