Cyber-Guerillas gegen Scientology

Cyber-Guerillas gegen Scientology (Anonymous)Foto: Anonymous

Eine lose über das Internet organisierte Gruppe bringt seit zwei Jahren die schnell wachsende Sekte zur Weißglut.

Es sind nicht viele Fakten über die anarchische Gruppierung „Anonymous“ bekannt; weder einen Anführer noch einen Hauptsitz gibt es. Unter Insidern gilt der User „Moot“, Gründer der Internet-Plattform 4chan, als Architekt der Bewegung. Das erklärt auch den Namen „Projekt Chanology“, unter dem schon seit circa zwei Jahren Cyber-Attacken gegen Scientology laufen. Das Projekt kam ins Rollen, nachdem Scientology ein internes Werbevideo, das an die Öffentlichkeit gelangte und einen schon fast schaurig fanatischen Tom Cruise zeigte, durch Gerichtsbeschluss von der Internet-Plattform Youtube bannen ließ.
Dieser Fall von Zensur brachte die Gemüter ordentlich in Wallung. Bald wurden Hacker-Angriffe auf die Sekte gestartet, ihre Webseiten zum Abstürzen gebracht. Die Aktionen mündeten in einen Schneeballeffekt. So wurde heuer etwa die Times-Online-Wahl zur „einflussreichsten Person des Jahres“ gehackt, sodass der vermeintliche Kopf von Anonymous, Moot, mit knapp 17 Mio. Stimmen auf Platz eins landete und die Gruppe somit weltweit bekannt wurde. Auch außerhalb des Internets gibt es Aktionen; monatliche Proteste, die größten davon in London und Los Angeles, stellen unter anderem einen Teil der Bewegung dar.

Scientology-Praktiken
Die Scientology-Sekte ist in 163 Ländern vertreten, wobei sie in einigen davon, wie zum Beispiel den USA, Italien und Slowenien, bereits den offiziellen Status einer Religion genießt. Die Sekte wächst schnell, zum Teil dank gut getarnter Rekrutierungseinrichtungen, die oft Sozialcharakter haben. Narconon heißt beispielsweise in Deutschland ein Verein, der vorgibt, Drogenmissbrauch zu bekämpfen; Criminon kümmert sich angeblich um ehemalige Kriminelle, während „Professionelles Lernen“ Nachhilfe anbietet und somit auf Kinder und Jugendliche abzielt. Das Ziel hinter diesen Programmen ist „ökonomisches Wachstum und Machterweiterung der Bewegung“, weiß Ursula Caberta, Sektenbeauftragte und Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology in Hamburg. Von Anwerbungsversuchen bis hin zur Gehirnwäsche ist alles dabei.
Der Sektencharakter von Scientology wird vor allem dann sehr deutlich, wenn es um Aussteiger geht. „Leute, die zuvor Mitglieder waren, trauen sich nicht, sich öffentlich von Scientology zu distanzieren“, erklärt Sektenexperte Thomas Gandow. Die wenigen, die es doch wagen, werden mundtot gemacht, eingeschüchtert, damit kein Insider-Wissen an die Öffentlichkeit gelangt. Das Vorgehen gegen ehemalige Mitglieder geht sogar schon so weit, dass Scientology selbst die You­tube-Accounts kritischer Stimmen wie etwa der Ex-Scientologin Tory Christman oder des Journalisten Mark Bunker hat sperren lassen. Dass die Proteste nicht unbeachtet bleiben, zeigen auch PR-Aktionen, Klagen sowie Youtube-Videos, die direkte Reaktionen seitens der Scientology-Sekte sind. Ehrgeiziges Ziel von Anonymous ist ein Verbot von Scientology. Humor und Selbstironie spielen beim Protest ebenso eine Rolle wie Idealismus und Hacker-Wissen. Auch wenn die Scientology-Austrittszahlen steigen, hat sich das Kollektiv realistischerweise schon auf einen langen Kampf eingestellt.


Emanuel Riedmann, Economy Printausgabe 79-12-2009, 18.12.2009 Kommentar posten


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