Leben
zur Startseite "Leben"Wir brauchen Helden
Foto: Wer heute kein Handy hat, ist ein Kuriosum. Bestenfalls. Oder ein Ärgernis. Ein Realitätsverweigerer. In manchen Jobs sogar gefährdet, diesen zu verlieren, weil vom Chef nicht jederzeit erreichbar.Wer heute die Überweisungsscheine noch zur Bank trägt, statt Zahlungen per E-Banking anzuweisen, geht seiner Bank schwerstens auf die Nerven. Und mindert den Gewinn. Wer eine Fahrkarte am ÖBB-Schalter statt am Automaten kauft, zahlt drauf. Strafe für so viel technologiefeindliches Konsumverhalten muss sein. Bestimmte Technologien haben sich erstaunlich schnell durchgesetzt. Die Mobilfunkgesellschaften schenkten allen Nutzern ein Telefon, banden sie vertraglich an sich und überzogen das Land mit Handyfonie. Mobiltelefone, für die Manager vor 15 Jahren noch teuer blechten, gehören heute zur Standardausstattung jeder Volksschülerin. Warum einige Technologien so extrem erfolgreich sind und andere, ebenso sinnvolle, am Markt scheitern, ist die Frage. Fotovoltaikfassaden an Hochhäusern beispielsweise. Sie waren vor 15 Jahren bereits ausgereift – zumindest so weit wie die schweren Handy-Trümmer von damals. Zwar kosteten sie viel mehr als normale Glasfassaden, aber sie konnten Strom erzeugen. Sie hätten den Bauherrn als ein in die Zukunft blickendes, ökologisch vorbildliches, technologisch fortschrittliches Unternehmen ausweisen können. Es ist nicht passiert. Bür-hochhäuser haben in der Regel noch immer gewöhnliches Glas, Fotovoltaik ist noch immer fast so teuer wie damals. Längst ist bekannt, dass Erdöl aus keiner ewig sprudelnden Quelle kommt und Kernkraftwerke, wenn etwas schiefgeht, Menschen und Schwammerln verstrahlen. Es ist klar, dass wir neue Energiequellen suchen. Jeder wusste, dass die Emissionen aus Kraftwerken sauren Regen und Waldsterben verursachen. Dennoch setzte sich die Technologie nicht durch. Niemand verlangte dagegen, in der U-Bahn die Mama wegen des Topfentortenrezepts anrufen zu müs-sen. Oder die lästig gewordene Freundin wortlos, dafür mit 140 Zeichen SMS in die Wüste schicken zu können. Dennoch haben Unternehmen uns mit dieser Technologie beglückt. Es war wohl nicht nur eine Frage des geschickteren Marketings, sondern eine Frage der Moral. Freiwillig eine höhere Büromiete zu zahlen, um teuren Strom aus der Sonne zu gewinnen, verlangt Engagement. Das war in Zeiten, in denen sich die Werbung „Geiz ist geil“ durchsetzte, nicht Mainstream. Heute haben auch fair gehandelte Produkte einen Marktanteil erobert. Freiwillig für ein halbes Kilo Kaffee zwei Euro mehr zu zahlen tut nicht weh – und es schafft ein gutes Gewissen.
Idealisten auf dem Dach
Die wahren Helden aber sind die Häuslbauer im steirischen Gleisdorf und Umgebung, die in den 1980er Jahren ihre Wochenenden damit verbrachten, Sonnenkollektoren in Selbstbauweise anzufertigen und auf ihren Dächern zu installieren. 30.000 Schilling kostete damals so eine Anlage. Das war viel Geld. Das spürte man tatsächlich. Sie taten es nicht, weil sie kalkulierten, dass sich ihre Anlage in 19 Jahren amortisieren würde. Sondern weil sie Welt-verbesserer waren. Idealisten. Weil sie sahen, dass es mit der Umwelt bergab ging und sie etwas tun wollten. Ohne die Sonnenkollektorenbastler von damals würde es die Solarindustrie von heute nicht in dieser Form geben. Die Bastler entwickelten die Technologie weiter. Als Unternehmen Sonnenkollektoren billiger herstellen konnten, verbreitete sich der Solar-Boom. Der weltweite Durchbruch von erneuerbarer Energie steht noch bevor. Vielleicht sollte man die Handy-Marketing-Gurus dafür engagieren.
Ausgewählte Berichte und Kommentare aus den Schwerpunkt-Ausgaben bereits erschienener economy Printausgaben.
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