Wider das Dorf

Wider das Dorf (privat)Foto: privat

Aufgewachsen bin ich im oberösterreichischen Leonstein im Steyrtal. Wald, Wiesen, Wasser – sehr viel mehr brauchte ich als Kind nicht. Doch ab meinem zehnten Lebensjahr wurde mir das zu wenig; auch das sonstige Betätigungsspektrum zwischen katholischer Jungschar und lokalem Blasmusikverein konnte nicht alles sein. Zum Glück unterstützten meine Eltern meinen Plan, mit 14 Jahren in die Textil-HTL in der Wiener Spengergasse zu wechseln.
In diesen Jahren lernte ich die Vielfalt und Abwechslung in der Großstadt zu lieben und schätzen. Nach Abschluss der Schule habe ich zwar noch einmal versucht, auf dem Land sesshaft zu werden, allerdings war ich nach acht Monaten wieder in Wien. Und seit nunmehr 30 Jahren hat mich das Stadtleben nicht mehr losgelassen. Gefehlt hat mir vor allem die Möglichkeit, viele sehr unterschiedliche und interessante Menschen kennenlernen zu können. Und damit auch die persönliche und berufliche Entwicklungsperspektive.
In Wien spielt sich das Leben in einzelnen Grätzeln ab; das hat auch viel Dorfcharakter. Dort gibt es soziale Netze und die persönliche Nähe zu den anderen Bewohnern, aber ein paar Schritte weiter beginnt das nächste Grätzel mit anderen Menschen und Milieus. Dauernd stößt man auf Neues, Spannendes; diese Abwechslung finde ich sehr bereichernd.
Ich lebe ganz bewusst mitten in der Stadt, weil da das Alltagsleben einfach und ohne Auto organisierbar ist und weil das kulturelle und kulinarische Angebot in fußläufigen Distanzen liegt.
Lebensqualität heißt für mich aber vor allem, weitgehend Wahlfreiheit zwischen Anonymität und enger sozialer Einbindung zu haben. Wer sich in seinem Grätzel bewegt und Kontakte pflegt, kann auf Nachbarschaftshilfe vertrauen und auf seinen Stammwirt zählen. Umgekehrt natürlich auch.
Elisabeth Auer ist selbstständige Textildesignerin und lebt in Wien.


Elisabeth Auer, Economy Printausgabe 85-06-2010, 25.06.2010 Kommentar posten


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