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Wettlesen um gefüllte Socken

Wettlesen um gefüllte Socken ()Foto:

Fünf Minuten, ein Blatt Papier, der eigene Text. Poetry Slams sind literarische Wettkämpfe um die Publikumsgunst. 1986 als Alternative zu klassischen Lesungen initiiert, haben sie mittlerweile in die Literaturhäuser Einzug gehalten.

Die Salzuhr misst die Zeit, und das Moderationsteam ist streng. Fünf Minuten, mehr bleibt den Slammern nicht, um eine Geschichte aufzurollen, Stimmungen zu erzeugen, Bilder zu wecken. Beim Poetry Slam wird um die Gunst des Publikums gelesen. Es stimmt ab, wer in die nächste Runde kommt, wer den Abend gewinnt.
René Monet hat am Ende eines Poetry-Slam-Abends in Linz schon oft einen Socken in Händen gehalten. Der Socken, gefüllt mit Spenden aus dem Publikum, stellt den Hauptgewinn beim Postskriptum Slam dar. Von Speck bis Geld kann alles drin sein. Reich wurde davon freilich bislang niemand, aber um das Gewinnen geht es beim Slammen ohnehin weniger, heißt es. Was zählt, ist die Stimmung im Publikum. „Der Kontakt zum Publikum ist direkter, lebhafter als bei Lesungen, wo es mucksmäuschenstill ist. Man sieht, wie die Leute reagieren“, sagt René Monet.

Für das Publikum schreiben
Ein Text beim Poetry Slam funktioniert, wenn das Gelesene dem Publikum gefällt. „Das direkte Feedback ist super, aber es ist auch eine Gratwanderung, wenn man nicht nur will, dass das Publikum lacht und klatscht, sondern auch seine eigenen Sachen rüberbringen möchte“, sagt Dominika Meindl, die unter dem Namen Minkasia slammt und wie René Monet aus der Linzer Slamszene stammt.
Dass Texte beim Poetry Slam für das Publikum geschrieben werden, meint auch René Monet: „Wer Texte nicht für ein Publikum verfasst, sondern für sich selbst, wird eher nicht bei einem Slam lesen.“ Was für einen Slam zu lang ist, also mehr als zwei A4-Seiten umfasst, oder zu komplex wäre, veröffent­licht René Monet in klassischen Publikationsformen wie Anthologien oder Literaturzeitschriften.
Dennoch, ein Exotenprogramm abseits des traditionellen Literaturbetriebs ist die Poetry-Slam-Szene nicht mehr. Was der US-amerikanische Performance-Poet Marc Kelly Smith 1986 in Chicago als Gegenprogramm zu klassischen Lesungen mit Tisch und Wasserglas ins Leben gerufen hat, findet heute auch an literarischen Veranstaltungsorten statt, wo schon viele Wassergläser gestanden haben. Das Literaturhaus Wien beispielsweise hat mit dem „Slam B“ seit Oktober des Vorjahrs einen eigenen Poetry Slam. Markus Köhle, der im Innsbrucker „Bierstindl“ den ersten österreichischen Poetry Slam ins Leben rief, und Mieze Medusa gelten als Wegbereiter der Slam-Szene und sind im Literaturbetrieb keine Unbekannten.

Gut vernetzt
Poetry Slams finden mittlerweile mehr oder weniger regelmäßig in nahezu allen Bundesländern statt, die Szene ist vielfältig und gut vernetzt. Am meisten habe er bei den Slams nicht durch das Publikum, sondern durch den Austausch mit anderen Slammern gelernt, meint René Monet. „In kürzester Zeit hört man bei den Slams sehr viele Texte, da habe ich gemerkt, welch unterschiedliche Herangehensweisen es gibt.“ Die gute Vernetzung der Szene hat es dem Oberösterreicher ermöglicht, nicht nur ein Linzer Publikum zu erreichen, sondern bei Slams in ganz Österreich zu lesen. 2008 wurde René Monet bei der österreichischen Meisterschaft Ö-Slam „Vizeweltmeister“, ein Jahr zuvor schaffte er es beim internationalen Poetry Slam in München ins Halbfinale. Die nächste österreichische Meisterschaft findet dieses Jahr im Oktober statt – in Bozen. Denn, so die Veranstalter: „Es geht beim Poetry Slam nicht um Landesgrenzen. Wenn überhaupt, geht es um Sprachräume.“
Wer den Ö-Slam gewinnt, erhält „einen Pokal, viel Ehre“, mehr nicht. Aber: Die drei Erstplatzierten werden zu bezahlten Lesungen in österreichische Literaturhäuser geladen. Auch hier entscheidet das Publikum, wer es ins Finale und später in die Literaturhäuser schafft. „Ich mag die Bewertung nicht sonderlich, ich wurde auch in der Schule nicht gerne benotet“, sagt Minkasia, vorjährige Ö-Slam-Teilnehmerin und immer öfter auch Moderatorin des Linzer Poetry Slams. Nachsatz: „Das sagt jetzt eine, die nie gewinnt.“ Mit ein Grund, warum Minkasia mit René Monet im Vorjahr die Linzer Lesebühne ins Leben gerufen hat und damit dem Innsbrucker und Wiener Beispiel gefolgt ist. Auch das Konzept der Lesebühne kommt ursprünglich von anderswo, nämlich aus dem Berlin der späten 90er Jahre. Was die Lesebühne vom Poetry Slam unterscheidet: Es gibt keine Salzuhr und keine Zetteln, die das Publikum zum Abstimmen in die Höhe halten kann. Feedback gibt es trotzdem.


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Anna Weidenholzer, Economy Printausgabe 84-05-2010, 28.05.2010 Kommentar posten

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