Leben
zur Startseite "Leben"Vom Eintauchen in andere Welten
Foto: Photos.com„Warst du schon Erasmus?“ Unter Studenten bezieht sich diese Frage längst nicht nur auf das angesprochene europaweite Mobilitätsprogramm, an dem bereits jeder zehnte Student teilnimmt. „Erasmus“ hat sich zum Überbegriff für eine Vielzahl an Programmen entwickelt, von denen längst nicht nur Studenten profitieren.
Das europaweite „Programm für Lebenslanges Lernen“ bietet neben Studenten auch Lehrenden die Möglichkeit, Auslandsaufenthalte zu absolvieren. Im Rahmen diverser Stipendienprogramme werden neben Studienplätzen etwa ebenso Praktikumsstellen angeboten („Leonardo da Vinci“) und Mobilität im schulischen Bereich sowie bei Kindergartenpädagogen gefördert („Comenius“). Auch Unternehmen können zum Beispiel im Rahmen des „Grundtvig“-Programms teilnehmen.
Neben der Agentur „Lebenslanges Lernen“ gibt es diverse andere Anbieter von Auslandsaufenthalten. So besteht ebenso die Möglichkeit, als Assistent für Deutschunterricht Auslandserfahrung zu sammeln. Eine Vielzahl an Programmen wie etwa „Joint-Study“ fördert auch den Austausch über Europas Grenzen hinaus. Das weniger bekannte Programm „Operation Wallacea“ bietet Projekte zum Erhalt und zur Dokumentation der Artenvielfalt in den schier unglaublichsten Ecken dieser Erde. Auf der Suche nach finanzieller Unterstützung hilft es übrigens, sich auch im Zielland umzuhören, da dort ebenfalls gelegentlich Stipendien vergeben werden.
Bologna und die Folgen
Neben kulturellem Austausch ist ein wichtiges Ziel akademischer Austauschprogramme die Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulwesens. Dieses Ziel verfolgt auch der umstrittene Bologna-Prozess, der die formelle Angleichung des Hochschulraums forciert, um akademische Mobilität zu erleichtern. Bei dieser liegt Österreich laut Gerhard Volz, dem „Erasmus“-Bereichsleiter der Nationalagentur Lebenslanges Lernen, übrigens europaweit an der Spitze, was er damit begründet, „dass es ein starkes Bekenntnis zur Förderung der Mobilität gibt, welches sich in entsprechender Finanzierung niederschlägt.“ Der Österreichische Austauschdienst (OeAD) kann somit aus EU- und nationalen Mitteln jährlich rund 5700 Stipendien im Hochschulbereich vergeben, „davon etwa 5000 im Rahmen von ‚Erasmus‘“, so Volz.
Das im April 2009 im Rahmen des Bologna-Prozesses beschlossene Mobilitätsziel sieht zudem vor, dass bis 2020 mindestens 20 Prozent aller europäischen Hochschulabsolventen zumindest ein Auslandssemester absolviert haben. Um dieses Ziel zu erreichen, fließen allein in das „Erasmus“-Programm jährlich mehr als 400 Mio. Euro, wobei bereits 90 Prozent der europäischen Hochschulen teilnehmen. Europas Aushängeprojekt rechnet mit einer Teilnehmerzunahme um gut 50 Prozent bis 2012 auf drei Millionen.
Der Bologna-Plan ist dennoch teilweise mangelhaft. Zwar steigen die Teilnehmerzahlen an Austauschprogrammen weiterhin an, „dennoch wird es Studierenden durch die Neugestaltung der Studienpläne oft nicht leicht gemacht, ein Auslandssemester zu absolvieren“, so Gerhard Volz gegenüber economy.
Was aber bringt so ein Auslandsaufenthalt tatsächlich? Laut einer Studie des Internationalen Zentrums für Hochschulforschung in Kassel (Incher) kann man sich durch einen Auslandsaufenthalt zwar keinen besser bezahlten Job erwarten. Aus der Langzeitstudie von Maiworm und Teichler (Study Abroad and Early Career) geht jedoch immerhin hervor, dass zumindest 54 Prozent aller ehemaligen Teilnehmer am „Erasmus“-Programm überzeugt sind, durch ihren Auslandsaufenthalt Vorteile bei der späteren Arbeitssuche gehabt zu haben.
Weg vom Mainstream-Denken
Teichler bestätigt zudem, dass sich aus Auslandsaufenthalten „Vorteile für die persönliche Lebensführung“ ergeben. „Wer in eine andere Denkwelt eintaucht, entkommt dabei dem Mainstream einer Kultur und erkennt, dass es für jedes Problem mindestens zwei verschiedene Lösungen gibt“, so Teichler. Diese Erkenntnis wird von Wissenschaftlern der Northwestern University in Evanston (Illinois, USA) unterstrichen. Für eine Studie wurden mehrere Tests hinsichtlich Kreativität und Schaffenskraft durchgeführt. Probanden, die im Ausland gewesen waren, schnitten dabei deutlich am besten ab.
Ein Auslandsaufenthalt mag also kein Garant für einen besseren Arbeitsplatz sein, doch es werden dadurch „zusätzliche Kompetenzen erworben, die im Berufsleben bedeutende Vorteile bringen können. Ein Studiensemester oder ein Praktikum in einem anderen Land stärkt die fachlichen, sozialen und interkulturellen Kompetenzen und verbessert die Fremdsprachenkenntnisse“, fasst Volz gegenüber economy zusammen. Auslandserprobte Absolventen als „Einäugige“ im „Land der Blinden“? Die EU setzt jedenfalls weiterhin stark auf internationale Mobilität, und in Anbetracht der Entwicklungen auf dem europäischen Arbeitsmarkt, der zunehmend vernetzter agiert, zahlt es sich mitunter doppelt aus, diese Programme auch zu nutzen.
Ihre Meinung: