Leben
zur Startseite "Leben"Test: Qualitätszeitungen auf dem Genussprüfstand
Foto: Bilderbox.comJetzt wird gefrühstückt: der vorzügliche Wirtschaftsteil, das Dossier, dazu Toast mit Erdbeermarmelade. Die Zeit ist Genuss. Die New York Times-Sonntagsausgabe löst als einzige andere Zeitung bei der Testerin diese Vorfreude auf Bereicherung aus. In einem Buchladen in Boston sagt der Mann, der ihr Die Zeit auf die Rechnung setzt: „Aaah, die Ssaaait.“ Auch ein Genießer.
Gegen diese Zeitung spricht: Ihre Bedeutung liest sich oft nicht nur zwischen den Zeilen heraus. Die New York Times weiß ebenso viel – serviert das Menü aber nie dünkelhaft. Wer sich Zeit-Texte vorlesen lässt (Zeit Audio), manche Worte bis zur Schmerzgrenze betont, dem entgeht etwa nicht, wenn Tomas Niederberghaus der „Distanz und Sehnsucht“ unleistbarer Luxushotels hinterhertrauert („Gäste sind Luxus“, Nr. 29/09).
Dafür spricht: Die Menge an Wissen, die sich mit einer einzigen Ausgabe aufsaugen lässt, beschämt mitunter. Dabei fühlt der Leser sich, als habe er das alles gelernt, nicht bloß aufgeschnappt. Doch die Erfahrung einiger Zeit-Redakteure endet leider bei manchen zeitgemäßen Themen wie dem Internet, das als exotisches Tier betrachtet wird (wenngleich die Zeit-Website tadellos ist und es sogar ein PDF-Abo gibt). Das schafft zwar einen Gegenpol zu modegeile Berichterstattung, es lässt Die Zeit aber alt aussehen: Das Internet ist eine Kulturrevolution, kein Modegeschmack. Bei Brand eins etwa wird Modernes gescheit verpackt, ohne bemüht modisch zu sein.
Mitunter gerät die Distanz in der Zeit zu empörten Pauschalierungen, etwa bei „Intimrasur – Schönheit unter der Gürtellinie“ (Nr. 29/09). Modisch wird’s dafür im Zeit Magazin. Das gelingt manchmal wunderbar. Leider sind da Wolfram Siebeck und Harald Martenstein. Der eine lässt sich als Legende umwerben, der andere scheint der Testerin in seinen Fähigkeiten als Kolumnist überschätzt. Doch sind Siebecks Kochrezepte die einer Legende, womit wir wieder bei Genuss wären.
Treue Liebe: FAS
Nichts gegen gut gemachte Erdbeermarmeladen, nach denen man sich die Finger leckt, aber einen perfekten Sonntagmorgen macht seit 30. September 2001 beim Tester neben dem üblichen Ensemble von Kaffee, Konfitüre und Croissant erst die Lektüre der besser als gut gemachten, als beste Sonntagszeitung der Welt prämierten Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) aus. Köstlich. Bereits der Kauf wird zelebriert; nie wird das oberste oder vorderste Exemplar vom Ständer genommen, ein Eselsohr wäre ein Affront. Es folgt der ritualisierte erste Blick auf die Titelseite, in durchgängiger Vierfarbigkeit und einer eigenen Brotschrift, der Janson, gestaltet. Dem Produkt stehen trotz der gemeinsamen Nutzung redaktioneller Ressourcen der FAZ zusätzlich 50 eigene Redakteure zur Verfügung. Tadelloser Qualitätsjournalismus mit geballter Power.
Als Ouvertüre hält die Glosse auf Seite eins her („Alles verpulvert. Marine ohne Munition“), sodann wird beim ersten Durchblättern der Greser & Lenz Comic freudigst und mit Schmunzeln begrüßt. Hinüber zum zweiten Produkt, dem Sport, dann wird genüsslich im Feuilleton verweilt, nach einer Stunde im Wirtschaftsteil das Interview mit der kanadischen Psychologin Susan Pinker „über Hormone, die die Karriere steuern, erfolgreiche Frauen, die unzufrieden sind, und abgehängte Jungs“ studiert.
Nach dem Schock und einem weiteren Schlückchen Sekt labt sich der Tester an Gourmandisen und Gastrotipps, schüttelt feixend über den Teledialog den Kopf, bis er – es ist mittlerweile Nachmittag geworden – am Höhepunkt angelangt ist: den geliebten Herzblattgeschichten. Zwar karikiert Jörg Thomann die boulevardeske Knallpresse nicht in Perfektion mit Verve und Esprit wie Hohepriester Peter Lütkemeier, dessen Kolumnen es allein wert waren, diese nahezu perfekte Zeitung zu erwerben, doch sie steigert sich von Ausgabe zu Ausgabe.
Wie immer nimmt sich der Tester vor, alle anderen Produkte „die Woche über“ zu studieren. Ja, die Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, die immer noch kein oder recht wenig Geld verdienen soll, ist ein wahres Kleinod. Während in den fast zehn Jahren dieser Wochenendlektüre Lebensabschnittsgefährtinnen wechselten, ist der Verfasser dieser Zeilen seiner Liebe zur FAS treu geblieben.
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