In sechs Monaten wird sicher alles besser

In sechs Monaten wird sicher alles besser ()Foto:

Call-in-Fernsehen entwickelt sich immer mehr zum Volkssport.

Begonnen hat alles mit den Fernsehquizshows und dem Aufruf zum Anrufen. Eins plus eins musste zusammengezählt werden. Während der telegene Moderator uns Zusehern einzureden versuchte, dass diese Aufgabenstellung wohl keiner mehr lösen könne, dachten wir „Trottel!“ und drückten wettkampfmäßig die Telefontasten, bis die Finger rauchten. Auf Sendung kam minutenlang trotzdem niemand. Angeblich werden so auf ATV innerhalb von 60 Minuten fünfstellige Euro-Summen verdient, die im unteren Drittel angesiedelt sind (laut Auskunft eines Mitarbeiters, der Wert auf seine Anonymität legt). Findige Unternehmer entwickelten bald schon die Möglichkeit, sich nun auch das Glück, das Berufsleben, die Liebe und so weiter via Fernsehen vorhersagen zu lassen. Immerhin schenken rund 50 Prozent der Österreicher den Horoskopen Glauben, während die Deutschen jährlich 150 Mio. Euro in diese Form der „Zukunftsforschung“ investieren. Also legen seriös wirken wollende Menschen nun Karten, beobachten Glaskugeln oder errechnen mit dem Computer ihre Voraussagen, um vor allem die Zielgruppe Frauen anzusprechen.

Unser Freund Djaly
Manche agieren dabei wie gute Verkäufer. Sie stellen zuerst ein paar Fragen, um das neu gewonnene Wissen umgehend zu nutzen. Andere agieren wie ein guter Freund, den man auch um ein Uhr nachts anrufen darf, um ihn um Rat zu bitten. Djaly (Kanal W24) ist so einer. Denn während viele maximal eine Frage beantworten, wirft Djaly, der die Hellsicht von seinem Großvater hat, seine Muscheln mehrfach ins gefl ochtene Körbchen. Kurz kratzt er sich am Bärtchen, bevor er seine Prophezeiungen lächelnd vorträgt. Sie alle agieren aber nach Robert K. Mertons Theorie der selbsterfüllenden Prophezeiung. Diese erfüllt sich, weil sie erwartet wird und der Angesprochene auf seine Umwelt eben den entscheidenden Einfl uss nimmt. Scheinbar benötigen wir wie im Märchen einen sprechenden Spiegel, der uns mitteilt, wo es langgeht. Immerhin wertet das die Zunft zahlreicher Consultants maßgeblich auf. Erschreckend bleibt allerdings die Fantasielosigkeit der Fernsehpropheten, denn erst „in sechs Monaten wird alles besser“. Selbsterfüllung benötigt eben Zeit, wodurch augenblicklich die Sommermonate der Renner sind. Fragen Sie Djaly! „Ach, das passiert schon nächste Woche!“ - Ausgewählte Berichte und Kommentare aus den Schwerpunkt-Ausgaben bereits erschienener economy Printausgaben.


Michael Liebminger, Economy Webartikel, 17.02.2012 Kommentar posten


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