Schwesternstation statt Rezeption

Schwesternstation statt Rezeption ()Foto:
Reisen bildet. Das weiß ich spätestens seit meiner letzten Geschäftsreise. Kurz zur Erklärung: Als vor ein paar Jahren meine Kollegen und ich ein Unternehmensprojekt in einer Agentur für Live-Marketing starteten, stand uns die Welt offen. Österreich kannten wir wie unsere Westentasche. Das Dilemma begann, als der Entschluss gefasst wurde, Kunden auch international zu betreuen. Seither sucht unser „Mädchen für alles“ liebevoll via Internet Auslandsunterkünfte aus. Die Einschränkung? Eine Budget-Obergrenze. Schließlich absolvieren wir eine Geschäftsreise und keinen Urlaub. Welchen Luxus benötigt man schon für wenige Stunden der Übernachtung? Zugegeben, bei Buchungen wenige Tage vor Beginn internationaler Messen kann es schon vorkommen, dass im Umkreis von hundert Kilometern kein freies Zimmer aufzutreiben ist. Da darf man sich über mühsame Anreisen nicht aufregen, das Mitleid hält sich in Grenzen. Aber meine Kollegen wohnten auch schon in Quartieren, die sich als Stundenhotels entpuppten. Oder in Absteigen, auf deren Gängen Hammelfl eisch auf offenem Feuer gebraten wurde. Das stand so nicht in der Hotelbeschreibung und war auch bildlich nicht dokumentiert. Mir gönnte man zuletzt ein Kurhotel mit Relax-Zone, hauseigenem Pool, Kaminbar und Weinkeller. Tolle Fotos, nette Beschreibung. Doch die Unterkunft stellte sich vor Ort als Reha-Klinik für alte, schwer gehbehinderte Menschen heraus. Schwesternstation statt Rezeption. Im Zimmer gab es weder Internet-Anschluss noch Fernseher oder gar Erfrischungen. Gemeinsam mit dem studentischen Nachtportier suchte ich minutenlang meine „Kranken“-Stube. Reisen bildet. Und das Internet lügt in Wort und Bild. So viel steht fest. - Ausgewählte Berichte und Kommentare aus den Schwerpunkt-Ausgaben bereits erschienener economy Printausgaben.
Michael Liebminger, Economy Webartikel, 27.01.2012 Kommentar posten


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