Runter vom Gas

Runter vom Gas (Photos.com)Foto: Photos.com

Langsam ist manchmal schneller.

Wer sein bisheriges Leben nicht gerade hinter dem Mond oder als Rucksacktourist im Himalaja verbracht hat, wird sicher bemerkt haben, dass sich heutzutage praktisch alles um Geschwindigkeit dreht. Die drei Komparative „Höher! Schneller! Weiter!“ sind schon längst Sinnbild unserer Zeit, vor allem „schneller“ muss es heute sein.
„Wollen wir etwas verbessern, beschleunigen wir es“, bringt es Carl Honoré, Journalist und Autor des Bestsellers Slow Life – Warum wir mit Gelassenheit schneller ans Ziel kommen, auf den Punkt. „Früher lasen wir, heute schnell-lesen wir; früher hatten wir Dates, heute gibt es Speed-Dating“, so Honoré.
In Speed-Yoga-Kursen wird inzwischen sogar Entspannung beschleunigt. Sämtliche Lebensbereiche werden dem Diktat der Stoppuhr unterworfen. Die Internet-Suchmaschine Google findet über fünfmal so viele Einträge für das Wort „schnell“ als für „langsam“.

Die Slow-Life-Bewegung
Geschwindigkeit ist einerseits zum kulturellen Imperativ aufgestiegen, der immer mehr Menschen überfordert und zum Burn-out oder gar Herzinfarkt treibt. Auf der anderen Seite hat sich inzwischen eine deutliche Gegenbewegung herausgebildet: Slow Food statt Fast Food, Entspannungstherapien, Meditation, Tai-Chi, Yoga – die sogenannte Slow-Life-Bewegung gewinnt immer mehr Anhänger.
Der „Verein zur Verzögerung der Zeit“, der an die Alpen-Adria Universität in Klagenfurt angegliedert ist, ist laut Honoré sogar einer der Pro­tagonisten der Slow-Life-Bewegung, die schon in über 50 Ländern vertreten ist. Der Bewegung geht es dabei nicht darum, alles kategorisch zu verlangsamen, sondern den Dingen die Zeit einzuräumen, die sie brauchen. Anders ausgedrückt: mit weniger Hektik zum optimalen Ergebnis.
Die Zeit schreitet nicht mehr, sie rast, und die Nachfrage nach Entschleunigung ist groß. Lebensratgeber, Trendlokale, die beispielsweise Slow Food anbieten, Slow-Tourismus, der den Einklang mit der Natur verspricht, Therapien und Kurse, die den Leuten wieder beibringen, wie man vom Gas steigt, sind mittlerweile ein Millionengeschäft. Langsamkeit ist längst ein Konsumgut. So stellt sich teils durchaus die Frage, ob die schnelle Ausweitung der Slow-Life-Bewegung weniger mit kultureller Einsicht und einer tatsächlichen Absage an die Hast unserer „Roadrunner-Kultur“ als viel mehr mit klassischem Kapitalismus zu tun hat, der auch darin noch die Chance auf einen schnellen Euro sieht.
Honorés Buch trägt diesen Zwiespalt bezeichnenderweise bereits im Untertitel, schließlich verspricht er, mit Langsamkeit „schneller ans Ziel“ zu kommen. Er selbst machte es gleich vor und bekam während seiner Recherchen in Italien einen Strafzettel – für zu schnelles Fahren. Noch dazu auf dem Weg zu einem Slow-Food-Büffet. Langsamer ist manchmal eben doch schneller.


Emanuel Riedmann, Economy Printausgabe 80-01-2010, 29.01.2010 Kommentar posten


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