Neue Frugalität: Sparen auf hohem Niveau

Neue Frugalität: Sparen auf hohem Niveau (DPA/Grubitzsch)Foto: DPA/Grubitzsch

Als Folge der Wirtschaftskrise werden kostenbewusste Lebensstile wiederentdeckt, ohne in Askese zu verfallen.

Oftmals braucht es einen kollektiven Schock, um eine fehlgeleitete Entwicklung überhaupt erkennbar zu machen. Einen Paukenschlag auf die Trommel des selbstgefälligen Wohlstands, ein „Guten Morgen“ aus der hässlichen Fratze der Krise. Diesen Schock hat der Welt die Wirtschaftsflaute gegeben, ausgelöst von den abgehobenen Spekulationen parasitärer Finanzjongleure an den Börsen dieser Welt. Sie hat ein ungutes Kribbeln in den satten Bäuchen der Bankiers und in den Scheidewänden der WallStreet-Koksnasen ausgelöst. Und viele, die sich nun Gedanken über die Irrwege des freien Kapitalismus machen, schreien nach Besinnung, nach Einlenken, nach mehr Menschlichkeit im Geldkreislauf.
Ein Grundübel des Systems wurde mit Konsumismus identifiziert. Norbert Bolz, einflussreicher Medienwissenschaftler und Stichwortgeber für die konservative deutsche Regierung, wetterte etwa kürzlich, dass es höchste Zeit für die „Versöhnung von Profitmotiven und sozialer Verantwortung“ wäre. Bolz will festgestellt haben, dass Menschen in der Wohlstandsgesellschaft von heute den Drang nach größerer Sinn­erfüllung entdeckt haben, und dieser Sinn liege nicht alleine im Konsumieren in einer Überflussgesellschaft.

Neue Sinnerfüllung gefragt
Dennoch bleibt von Bolz’ Darstellung nicht viel mehr übrig als eine Apologie eines „neuen Kapitalismus“, wie immer der auch aussieht, und der Hinweis auf die „Sinnerfüllung“ bleibt ein bisschen schwammig im Lichte einer hochaktiven und lebendigen Freizeit- und Unterhaltungsindustrie.
Einen anderen Zugang zu den neuen Notwendigkeiten, den Konsumismus zu hinterfragen, beschreibt der Autor Martin Amanshauser in seinem recht amüsanten Buch Viel Genuss für wenig Geld, wobei der Titel verschleiert, dass es Amanshauser vor allem um die Entdeckung einer neuen Frugalität geht – eine unmittelbare Folge der Schockwirkung der Wirtschaftskrise und der damit verbundenen Existenz- und Zukunftsängste des Einzelnen.
Die neue Frugalität, das ist beileibe nicht die Wiederentdeckung des asketischen Prinzips der religiösen Lehre. Gemeint ist vielmehr die Erkenntnis von relativ gut situierten, aber beunruhig­ten Menschen, dass Konsum von immer neuen Dingen kein Naturgesetz sein muss. Die neuen Frugalen sind „weder Geldausgeber noch Sparer“, sondern sie richten ihre Ressourcen auf den wohlausgewählten Genuss. Sie sind keine Markenfetischisten mehr, und sie schlanken an den richtigen Stellen des Überflusses ab. Für Frugale tut es auch der Diskonter und die No-Name-Ware, und so bleibt Geld für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Die neue Frugalität heißt nicht zu knausern, sondern sich einem neuen, individualistischen Lebensstil hinzugeben, sich von Überflüssigem zu trennen und das wenige mehr sein zu lassen. Empfehlung von Amanshauser: einfach nicht mehr für den ganzen Geldausgebezirkus zur Verfügung stehen.
Frugal handeln und mehr Zeit und Ressourcen für sich selbst haben, das ist ein Handlungserbe der Wirtschaftskrise, das ist das Post-Greed-Zeitalter, die Rückbesinnung auf gewisse Werte, die man noch von seinen Großeltern kennt. Es zu übertreiben, hat der moderne, im Arbeitsprozess stehende Mensch aber auch nicht notwendig. Vielleicht ist es aber ein Anreiz, den nächsten Anlageberater, der an der Tür klingelt, zu verjagen.


Arno Maierbrugger, Economy Printausgabe 78-11-2009, 20.11.2009 Kommentar posten


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