Mittendrin statt nur dabei

Mittendrin statt nur dabei (Kilian Kada)Foto: Kilian Kada

Zu den größten Ärgernissen im Straßenverkehr zählt der Stau.

Während in der Strömungslehre Stau erzeugende Verdichtungen durchaus erwünscht sind, um Fließgeschwindigkeiten zu erhöhen, oder Stauungen im medizinischen Bereich wie bei Blutungen einen lebensnotwendigen Prozess darstellen, bedeutet ein Stau im Straßenverkehr nur eines: den Ausbruch aufgestauter Aggression. Wenn im Straßenverkehr nichts mehr weitergeht, mögen Experten zwischen Stau und stockendem Verkehr unterscheiden, dem beinahe stehenden Fahrzeuglenker ist das komplett egal.
Für das subjektive Empfinden macht es keinen Unterschied, ob man sich zwischen Paris und Lyon einreiht (1980: Stau mit 176 Kilometern Länge) oder in São Paulo mit vielen anderen den absoluten Staurekord bricht (2009: 293 Kilometer). Letztlich stellt immer jener Stau den längsten dar, in dem man gerade selber „parkt“. In meiner Kindheit gingen wir an Grand-Prix-Wochenenden in Zeltweg immer auf den Hauptplatz, um die im Schritttempo stundenlang vorbeiziehende Autokolonne anzuschauen. Heute gehört zu Stoßzeiten ein Stau zum Stadtbild wie eine Sehenswürdigkeit. Verkehrsplanern fehlen funktionierende Konzepte völlig.

50 Stunden Stillstand
Die guten Tipps von Verkehrspsychologen wie Ruhe zu bewahren, vernünftig zu fahren oder erst gar nicht ins Auto zu steigen, wenn andere fahren, scheitern meist oder eigentlich ausschließlich an den anderen Verkehrsteilnehmern. Rätselspiele mit Kindern wie „Ich sehe was, was du nichts siehst“ sind bei eingeschränktem Horizont ebenfalls wenig sinnvoll. Musikhören ist bei Single-Fahrern empfehlenswert. Oder Nachdenken über essenzielle Dinge des Lebens wie „Wirkt mein Auto, in dem mich jetzt alle sehen, gepflegt?“, „Warum bauen Autohersteller leistungsstarke Fahrzeuge, die eh nur herumstehen?“ oder „Reicht die Zeit für Powernapping?“. Keiner will schließlich freiwillig Stauverursacher sein.
Paare wiederum, die statistisch gesehen täglich sowieso nur mehr wenige Minuten miteinander reden, könnten die knapp 50 Stunden, die wir Österreicher jährlich im Stau verbringen, nutzen, um den Fremden neben sich wieder kennenzulernen. Vielleicht eignet sich die Eröffnung „Du, ich hatte gestern mit jemand anderem Verkehr. Da ging was weiter“ nicht wirklich. Zur gesprächstherapeutischen Pro­blembewältigung wird nämlich Gehen empfohlen.


Michael Liebminger, Economy Printausgabe 77-10-2009, 23.10.2009 Kommentar posten


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