Mit Tempo leben

Mit Tempo leben   (Kilian Kada)Foto: Kilian Kada

Sowohl im Beruf als auch im Privaten fehlt Zeit.

„Zweite Kasse!“, brüllt die Dame mit der gefärbten Haarpracht schroff in mein Ohr. In Supermärkten herrscht zu Spitzenzeiten reges Treiben. Zeit hat von den hier in der Schlange Stehenden offenbar niemand. Denn schon stürmen alle in Richtung freie Spur, um dort einen neuen Einkaufswagenstau zu bilden.
Auch im Journalismus hat sich einiges verändert. Es ist gerade einmal 20 Jahre her, da wurden Texte wie dieser auf der mechanischen Schreibmaschine „Erika“ getippt und per Brief an die Redaktion geschickt. Heute zu Zeiten von E-Mail erfolgt die Textübermittlung in Windeseile, wenn nicht gar in Sekundenschnelle direkt ins Redaktionssystem geschrieben wird.
Apropos Schreiben: Letztens stellte meine pubertierende Tochter lapidar fest: „Wir schreiben uns den gleichen Blödsinn wie ihr damals, nur geht’s bei uns viel schneller.“ Sie hatte gerade das Briefarchiv geplündert, um das Kennenlernen ihrer Eltern zu erforschen. Logisch, das Chatten und Simsen schlägt jeden Postversand. Handy? Der war gut. Damals besaßen wir einen Vierteltelefonanschluss. Wir teilten eine Leitung mit den Nachbarn. Wenn das Mädchen von nebenan mit ihrem Freund telefonierte, hatte die eigene Beziehung Sendepause.

Wettlauf mit der Zeit
Ist das komplette Fehlen des hoffungsvollen Wartens nun ein emotionaler Verlust, oder stellt die Plötzlichkeit der Kommunikation einen persönlichen Gewinn dar? Die Kulturgeschichte der Beschleunigung entfaltet sich erst im konvenablen Betrachtungswinkel. Erfindungen wie Automobil oder Flugzeug lassen den 1873 veröffentlichten Roman In 80 Tagen um die Welt von Jules Verne lächerlich erscheinen. Andere Buchautoren wollen erkannt haben, dass das Tempo-Virus bereits um 1450 startete. Mit den technischen Entwicklungen setzte zwischen 1800 und 1950 eine Beschleunigungsphase ein. Wir befinden uns nun im Zeitalter der Elektronik in einer Tempophase, in der wir verlernt haben, mit dem Tag/Nacht-Rhythmus umzugehen. Schließlich leben wir in einer Zeit, in der die Lichter nie ausgehen. Das macht viele krank (Burn-out). Nicht wenige versuchen, möglichst viele Leben in einem unterzubringen. Sie vergessen, dass die Entscheidungsfreiheit immer noch bei jedem Einzelnen liegt, ob er am Wettlauf mit der Zeit mit vollen Terminkalendern oder permanent summendem Blackberry/iPhone mitmacht.


Michael Liebminger, Economy Printausgabe 80-01-2010, 29.01.2010 Kommentar posten


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