Kirche: Jungfräulichkeit ist kultig

Kirche: Jungfräulichkeit ist kultig (Photos.com)Foto: Photos.com

Über die Entstehung eines Kultes, der von der Mutter Jesu bis über Britney Spears in den 1990er-Jahren hinausreicht.

Im weitesten Sinne definiert der Jungfräulichkeitskult im Christentum bis in die Gegenwart hinein das traditionelle Frauenbild. Jungfräulichkeit hat besonders für die katholische Kirche eine absolut essenzielle Bedeutung. Sie selbst präsentiert sich als die jungfräuliche Braut des Herrn. Jungfräulichkeit ist demnach ein Ideal, das gewissermaßen noch über dem Sakrament der Ehe steht und eine lange Geschichte hat.
Untrennbar mit dem christlichen Konzept der Jungfräulichkeit verknüpft oder gar als dessen Ausgangspunkt zu verstehen ist die Heilige Jungfrau Maria. Dabei war deren Jungfräulichkeitsstatus weit über ein Jahrtausend hinaus Anlass für hitzige innerkirchliche Diskussionen.

Eine lange Geschichte

Zwar wurde die unbefleckte Empfängnis schon sehr früh aus einer Bibelstelle abgeleitet und weitestgehend kritiklos akzeptiert. Jedoch stellten sich Gelehrte alsbald die Frage nach dem „Danach“. Jesus musste als Sohn Gottes von einer Jungfrau geboren worden sein, als Zeichen seiner Reinheit. Nur, was geschah bei der Geburt? Jahrhundertelang und in mehreren Konzilen wurde darüber beraten. Schließlich wurde beschlossen, dass Maria für immer, also auch trotz der Geburt Jesu sowie trotz gewisser Schriftstellen, in denen von Geschwistern Jesu die Rede ist, eine Jungfrau war und blieb. Kirchenkritiker wie Hans Küng wiederum behaupten, dass im Originaltext nicht einmal von einer „Jungfrau“, sondern schlicht von einer „jungen Frau“ die Rede sei.
Dass Marias Jungfräulichkeit die Kirche seit jeher beschäftigt, zeigen nicht zuletzt historische Eckdaten, die verdeutlichen, dass es sich dabei um ein höchst zentrales Thema handelt. Über das Wunder der unbefleckten Empfängnis herrschte dabei seit dem zweiten Jahrhundert kirchliche Übereinstimmung. Die immerwährende Jungfräulichkeit ist hingegen bis heute ein heikles Thema geblieben.
„Alle Bestandteile der Lehre von Marias immerwährender Jungfräulichkeit sind erst am Ende des vierten Jahrhunderts beisammen“, schreibt Giovanni Miegge, Professor für biblische Exegese, in seinem Buch Die Jungfrau Maria in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das zweite Konzil von Konstantinopel legte im Jahr 553 schließlich die immerwährende Jungfräulichkeit Marias fest. Doch erst im Jahr 649 wurde nach einer langen Zeit von kursierenden Schriften und Legenden (als Protestant sprach Miegge dabei von der „Fantasie des Volkes“) die immerwährende Jungfräulichkeit Marias in einem Lateralkonzil zum kirchlichen Dogma erhoben.
Dennoch entbrannte immer wieder Streit über das Konzept der Immerjungfrau, sodass fast ein Jahrtausend nach dessen Dogmatisierung die immerwährende Jungfräulichkeit im Konzil von Trient 1546 erneut bekräftigt wurde. Der Hickhack hält bis heute an. Der deutschen Theologin und erfolgreichen Buchautorin Uta Ranke-Heinemann (Eunuchen für das Himmelreich erscheint mittlerweile in der 25. Ausgabe) wurde 1987, nachdem sie öffentlich Zweifel an der Jungfrauengeburt Marias kundgetan hatte, die Lehrbefugnis für katholische Theologie entzogen.
Doch warum eigentlich noch immer diese Aufregung? Dürfte man heutzutage nicht die Ansicht Miegges teilen, wonach „Marias leibliche Unversehrtheit nur für Maria selbst oder besser für ein Jungfräulichkeitsideal, das man in Maria verkörpert sehen möchte, Bedeutung hat“? Diese Erklärung leuchtet zwar ein, aber so einfach ist es offenbar auch wieder nicht. Denn auf dieses Ideal stützt sich in gewisser Weise die Legitimität der Kirche.
Das christliche Konzept von Jungfräulichkeit geht über bloße sexuelle Abstinenz hinaus, es steht viel mehr für ein exklusives Dasein für den Herrn. Auch wenn die Ehe ein Sakrament ist und somit über der Jungfräulichkeit stehen müsste, so ist sie praktisch eine „Übergangslösung“, in der gewissermaßen die Liebe zu Gott auf einen Menschen projiziert wird. „Nur in dieser Welt heiraten die Menschen“, heißt es bei Lukas 20,34. Jungfräulichkeit stellt einen Bund auf höherer Ebene dar, einen, der im Gegensatz zur Ehe über den Tod hinausreicht. Die Kirche muss demnach in ihrer Selbstdarstellung an der Jungfräulichkeit festhalten, um ihren eigenen Maßstäben zu entsprechen. Auch wenn immer mehr Stimmen laut werden, die etwa eine Lockerung des Zölibats oder ähnliche Reformen fordern, nicht zuletzt wegen unappetitlicher Verstöße seitens Gottes vermeintlichem Bodenpersonal.

Kirchliche Auswirkungen
Selbstverständlich hat der jahrhundertealte Jungfrauenkult auch seine Auswirkungen außerhalb der Kirche. Eines der wohl bekanntesten Beispiele hierfür ist die englische Königin Elisabeth I., die, zumindest offiziell, ein Leben lang Jungfrau blieb. Zwar steckte mit Sicherheit auch politisches Kalkül dahinter, trotzdem entstand dadurch ein regelrechter Kult um ihre Person. In der Kunst wurde sie folglich als Göttin, Jungfrau oder als beides dargestellt, kaum jedoch als Frau. Bald entstanden Metaphern, die sie in einer Ehe mit ihrem Reich oder verheiratet mit ihrem Volk beschrieben. Dies entspricht exakt dem kirchlichen Konzept von Jungfräulichkeit als eine Art Ehe auf höherer Ebene.
Wenn man nun bedenkt, dass wahrscheinlich nichts unserem Kulturkreis einen so markanten Stempel aufgedrückt hat wie die Kirche, wird klar, dass auch heute, in Zeiten des Kirchenaustritts, eine deutliche Prägung besteht. Kulturkritiker beispielsweise, insbesondere Feministinnen, untersuchen deshalb, inwiefern moderne Geschlechterrollen aus dem Frauenbild der Kirche hervorgehen. Auch wenn der Einfluss der Kirche heutzutage längst nicht mehr so stark ist wie damals, geht der Ursprung des einen oder anderen Doppelstandards bezüglich moderner Geschlechterrollen eindeutig auf diese Auslegungen zurück.


Emanuel Riedmann, Economy Printausgabe 79-12-2009, 18.12.2009 Kommentar posten


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Jungfräulichkeit

Wenn Herr Reidmann nicht zwischen "Unbefleckter Empfängnis" und Jungfräulichkeit unterscheiden kannn, sollte er andere Themen bearbeiten. Unbefleckte Empfängnis ist die Bezeichnung dafür, dass die Jungfrau Maria selbst ohne erbsünde von ihrer Mutter geboren wurde.

"Gast" schrieb am 16.Jan.10:

"Gast" schrieb am 16.Jan.10: "Unbefleckte Empfängnis ist die Bezeichnung dafür, dass die Jungfrau Maria selbst ohne erbsünde von ihrer Mutter geboren wurde." Richtig. Doch richtig ist auch, dass die vielschichtige Kontroverse über die Jungfräulichkeit Mariä bereits dort beginnt und nicht erst bei der Geburt Jesu. Somit kommt das eine nicht ohne das andere aus... Lg

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