Ende des Booms

Ende des Booms (Marko Lipus)Foto: Marko Lipus

Kaum ist der Balkan-Boom in der Musik vom gehobenen Musikjournalismus entdeckt worden, der mit 20-jähriger Verspätung bemerkt hat, dass ethnisch stimulierte Musik nicht zwangsweise leichte Kost für Authentizitätsfreaks und Blut-und-Boden-Schwärmer sein muss, ist er auch schon wieder out.
Woran hat sich das Publikum sattgehört? Was wird als „Balkan“ empfunden? Sofort fallen Schlagwörter wie Gypsy Brass, Shantel oder Bregovic. Nur hat das wenig mit Balkan zu tun, jedem Bewohner des Balkanraums wäre diese Musik genau so fremd wie Modern Talking oder Dolly Parton.
Interessant ist der indirekte Rassismus, der sich gerade in der Begeisterung fürs Östliche ausdrückt und sich als antirassistisches Statement gegen den bürgerlichen Mainstream missversteht. Der Balkan im Besonderen, der postkommunistische Osten im Allgemeinen dient nämlich als ideologisches Mexiko: Schmuddeligkeit versus Antisepsis des heimischen Bürgerwohnzimmers, Echtheit versus Künstlichkeit, dionysisch versus apollinisch, ekstatische Enthemmung versus leistungsorientierte Kontrolle, kathartische Barbarei versus Triebsublimierung.
In der Musik: Alles, was polka-punkig ausgeflippt trasht und worin sich machoide Bläsersätze mischen, das ist Balkan.
Es ist gut, dass der Balkan-Boom abflaut. Denn nach dem synkretistischen Kusturica-Karneval kann endlich wieder „echte“ Musik aus Südosteuropa punkten. Damit ist nicht authentische Volksmusik gemeint, sondern ein heterogener Pool aus tausend Formen: erstklassiger Independent-Rock, brillanter Jazz, interessante World-Music-Experimente, Neue Musik und ein in vielen noch unbekannten Farben irisierendes Meer aus ethnomusikalischen Traditionen, die es vor der Folklore zu retten gilt wie die Prinzessin vor dem Drachen.
Richard Schuberth ist Schriftsteller und Leiter des Balkanfever-Festivals.


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Richard Schuberth, Economy Printausgabe 84-05-2010, 28.05.2010 Kommentar posten


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