Leben
zur Startseite "Leben"Der Wiener Zentralfriedhof lebt
Foto: Die knapp 2,4 Hektar große Anlage im Süden Wiens mit ihren über drei Mio. Toten hat täglich geöffnet. Und Tag für Tag tummeln sich zwischen all den Verstorbenen, den Opfern der Weltkriege, rund um die Präsidentengruft und die Ehrengräber mehrere tausend Besucher. Etwa die Hälfte von ihnen betritt diese letzte Ruhestätte vorerst gar nicht, sondern fährt mit dem Auto vor. Wie auch jene Mittfünfzigerin, die es sich mit ihren Zeitungen im parkähnlichen Areal gemütlich gemacht hat und mehr Anteil am Zeitgeschehen nimmt als an der Vergangenheit. „Der Hans Moser liegt auf der Dreier-Station“, meint eine graumelierte 70-Jährige wissend. Wer nicht gerade an einer der Führungen teilnimmt, wird die opulenten Ehrengräber mit all den Skulpturen auch so finden. Die Klickgeräusche der Fotoapparate weisen den Weg oder eine gesummte Melodie, etwa von zwei Damen, die sich gerade vor dem Grab von Johann Strauß (1825–1899) ablichten lassen. Dabei gäbe es auf dem Wiener Zentralfriedhof der „einfachen Leute“ noch mehr zu entdecken: Der Grabstein der Familie Modern entspricht nicht wirklich dem klingenden Familiennamen. Neben „Mama“ liegt „Tante Käthe“. Und ob der junge Radolovic tatsächlich sein Auto mit ins Grab genommen hat, steht so auch nicht fest. Zumindest sind die beiden gemeinsam auf dem Grabstein nebeneinander abgebildet.
Ein Fuß unter der Erde
„Ich besuche meinen Fuß, der irgendwo da hinten liegt“, erzählt der einbeinige Frühpensionist Hans (48) schmunzelnd. „Eigentlich bin ich ja schon mit einem Fuß unter der Erde.“ Seine Geschichte muss eher dem Reich der Mythen zugezählt werden, denn im Anatomie- Sektor wird man vieles finden, nur halt keine begrabenen Gliedmaßen von noch lebenden Personen. Wie der Krückengeher sind viele alleine unterwegs. Mit Gartenerde und frischen Blumen bepackt begeben sie sich zum „Garteln“ – kein so abwegiger Gedanke, zumal die Grabsteine die Dimension kleiner Gartenhäuser erreichen. Nur manchmal versammeln sich ganze Familienstämme am frischen Totenbett. Aber die werden wiederum nicht unserem Kulturkreis zugezählt. Trotzdem wirken diese Bereiche teils weniger gepfl egt, teils verwahrlost. So finden sich mit Efeu verwachsene Grabesstätten oder umgekippte Grabsteine an mehreren Stellen. Da soll es nicht weiter verwundern, dass Franz Riedl die Goldschlagstraße 60 dem Zentralfriedhof vorzog. Da hatte er es wenigstens schön warm im Bettchen und ruhte im Frieden. Auch um ihn kümmerte sich niemand. Zur Erinnerung: Dieser Mann lag rund fünf Jahre unbemerkt tot in seiner Wiener Wohnung, bis er Anfang Oktober dieses Jahres mumifi ziert gefunden wurde. Dieser Ort war wohl eher kein Treffpunkt der Lebenden.
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