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Der Genuss der Langsamkeit

Der Genuss der Langsamkeit ()Foto:

Alles muss heute schnell gehen: arbeiten und erholen, schlafen und essen. Letzteres „erledigen“ viele Menschen heute mit Fast Food. Dieser fatalen Entwicklung hat Carlo Petrini eine Philosophie des Genusses und einen langsamen, bewussten Lebensstil entgegengesetzt, als er 1986 in Bra im italienischen Piemont mit einer Handvoll Gleichgesinnter den Verein Slow Food gründete.
Keiner der Beteiligten dachte damals, dass sich aus ihrer Aktion gegen geschmackliche Verflachung durch industrielle Einheitsgerichte eine internationale Bewegung entwickeln würde. Petrini meinte, Lebensmittel sollen herausragend schmecken, ökologisch nachhaltig hergestellt werden und den Produzenten einen fairen Preis einbringen. Heute ist Slow Food in 130 Ländern mit rund 100.000 Mitgliedern vertreten. Durch Informationsarbeit, Verkostungen, Geschmacksschulungen, Veranstaltungen und vieles mehr versuchen wir, bei Erwachsenen und Kindern ein Bewusstsein für Qualität, Aroma, Duft und Geschmack von Lebensmitteln zu schaffen. Slow Food fördert das Lebensmittelhandwerk, kleine Betriebe, die bodenständige Gastronomie und die Hersteller von naturnahen, regionaltypischen Lebensmitteln.
Doch all das spielt sich vor dem Hintergrund der weiter rasant abnehmenden Artenvielfalt im Pflanzen- und Nutztierbereich ab. Deshalb setzt sich Slow Food auch mit Nachdruck für Biodiversität, biologische Vielfalt und Regionalität ein. Ende Oktober präsentierten wir in Wien die „Terra Madre Austria“. Diese Veranstaltung ist Teil des von Slow Food International initiierten weltumspannenden Netzwerks zur Verteidigung der Biodiversität und der Vielfalt bäuerlich und handwerklich produzierter Lebensmittel. Der „Markt der Vielfalt“ im Arkadenhof des Wiener Rathauses lud ein zum Genießen mit allen Sinnen: zum Schauen und Riechen, zum Probieren und Gustieren. Bauern und Bäuerinnen aus ganz Österreich, Käsemacher, Winzer und Bäcker brachten ihre hervorragenden Produkte – vom Vorarlberger Bergkäse bis zu Gemüseraritäten, von der Elsbeerschokolade bis zu erlesenen Weinen.
Doch Slow Food richtet sich nicht nur gegen Fast Food, sondern allgemein gegen das hektische Treiben unserer Zeit, gegen den vorherrschenden universellen Tempowahnsinn, gegen das Fast Life allgemein. Wir Menschen müssen uns von dieser uns vernichtenden Beschleunigung befreien und zu einer uns gemäßen Lebensführung zurückkehren. Es geht darum, das Geruhsame, Sinnliche gegen die universelle Bedrohung durch das Fast Life zu verteidigen. Deshalb setzen wir gegen diejenigen, die Effizienz mit Hektik verwechseln, den Bazillus des Genusses und der Gemütlichkeit und versuchen damit, zu einer geruhsamen und ausgedehnten Lebensfreude zurückzufinden.
Barbara van Melle ist Journalistin und Obfrau des Vereins Slow Food Wien.


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Barbara van Melle, Economy Printausgabe 78-11-2009, 20.11.2009 Kommentar posten

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