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Das Leben zwischen Dur und Moll

Das Leben zwischen Dur und Moll (Photos.com)Foto: Photos.com

Musik prägt unser Leben. Radioprogramme, Videoclips und Downloads bilden eine permanente Geräuschkulisse im Alltag. Trotzdem besitzen einzelne Musikstücke immense Bedeutung für Biografien, in der Therapie oder in der Vertreibung gesellschaftlicher Randgruppen.

Das Badewasser ist eingelassen, die Kerzen ringsum sind angezündet. Auf der Wasseroberfläche treiben Rosenblätter. Für das romantische Entspannungsbad zu zweit fehlt einzig noch ein wenig dezente Musik. Schon kramt der verliebte Don Juan in den Erinnerungen wie beispielsweise auch die Protagonisten in Nick Hornbys Roman High Fidelity. Während jedoch die fiktiven Buchhelden das passende Musikstück zu Themen wie Liebe oder Tod sondierten, begibt sich der Schaumbad-Bel-Ami auf die Suche nach jenem Song, der das erste Kennenlernen musikalisch manifestierte.
Wissenschaftliche Studien bestätigen, dass Musikstücke ihre Bedeutung durch beeindruckende soziale Erlebnisse erhalten, die die Melodien und Kompositionen mit der Lebensbiografie des Hörenden in Zusammenhang bringen. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es sich um Rock, Pop oder Klassik handelt. Das Entscheidende sei das tatsächlich stattfindende Ereignis. Der rhythmische Taktgeber Eye of the Tiger (aus dem Boxerfilm Rocky IV) beeindruckt jeden kämpfenden Marathonläufer wie eben auch 20.000 in die Höhe gestreckte Feuerzeuge, wenn Herbert Grönemeyer bei einem Konzert Halt mich für die Pärchen im Publikum anstimmt. Und kollektiver Gruppenspaß bei einer Party samt lautem Gegröle bleibt ebenfalls in der unmittelbaren Gefühlswelt haften.

Die therapeutische Wirkung von Musik
Musik kann Hochgefühle schaffen, aber auch seelische Tiefpunkte ausdrücken. Sie kann subjektiver Anker oder einfach nur sinnliches Erlebnis sein, weil der Klang einer Stimme oder der Sound bestimmter Instrumente imponieren. Das weiß auch die Musiktherapeutin Hanna Fak. Seit ihrer Ausbildung vor knapp 30 Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit dem kommunikativen Aspekt der Musik. „Bei der Musiktherapie, die eng mit der Psychotherapie verknüpft ist, geht es um emotionale Prozesse, um Beziehungen und Interaktionen. Sie ist eine sehr ausdruckszentrierte Methode für eine Therapieform, bei der Sprache nicht mehr zur Verfügung steht“, erklärt die akademisch ausgebildete Therapeutin Fak. „Musik dient hierbei als anderes Ausdrucksmedium für Gefühle und vorhandene Konflikte.“
Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liege in der aktiven Heiltherapie, in der das Spektrum einer Persönlichkeit durch Musizieren zum Ausdruck gebracht wird – im Gegensatz zur rezeptiven Musiktherapie, die auf das reine Musikhören abzielt. „Mir ist es wichtig, dass ich verschiedene Aspekte kennenlerne, um jemanden zu helfen, also die Harfenseite eines Menschen ebenso wie die Trommelseite. Immerhin reicht die musikalische Bandbreite vom Schlagen bis zum Streichen, von hohen, metallischen Klängen bis zu tiefen, erdigen Tönen.“ Dabei spiele für sie die Sensibilisierung für Stimmungen, Bedürfnisse und Atmosphären eine wesentliche Rolle, zumal gleiche Musikstücke sehr unterschiedlich auf die Rezipienten wirken und niemand tagtäglich für die gleichen Sounds empfänglich sei.

Klassik gegen Drogendealer
Davon können wahrscheinlich auch Verkäuferinnen in Supermärkten ein Liedchen singen, wenn in den Wochen vor Weihnachten die musikalische Permanentberieselung startet. Oder Obdachlose und Drogensüchtige in deutschen Städten. Diese verließen vermehrt ihre Schlafstätten und Umschlagplätze in U-Bahnhöfen, als die Verantwortlichen damit begannen, klassische Musik aus Lautsprechern tönen zu lassen. Offenbar waren die einzelnen Personen im Hinblick auf ihre Musiksozialisation dem ganztägigen Hören von klassischer Musik nicht gewachsen, obwohl sich rund 1800 unterschiedliche Stücke im Repertoire befanden.
Erstmals wurde 1998 in Hamburg die Beschallung von Bahnhöfen und U-Bahn-Stationen mit klassischer Musik erprobt, ehe andere Großstädte wie Berlin und München nachzogen. Gespielt wurde Mozart, Schubert, Brahms, Chopin, Beethoven oder Bach in Instrumentalversionen. Fahrgäste zeigten sich zufrieden, zumal viele den kurzen Aufenthalt in den Stationen als beruhigend und als Pendant zum teuren Konzerthausbesuch empfanden. Zudem erhöhte sich das subjektive Sicherheitsgefühl, wahrscheinlich weil sich keiner vorzustellen vermochte, er könne zu Mozartklängen niedergeschlagen werden.
Obwohl sich bei Umfragen rund drei Viertel positiv äußerten, mischten sich vereinzelt kritische Stimmen in den Öffentlichkeitschor. „Musik darf nicht zur omnipräsenten Zwangsberieselung werden“, befand der Pressesprecher der Münchner Verkehrsbetriebe, „schließlich fahre niemand mit, um Musik zu hören.“ Und auch im Stuttgart Blog – Stimmen der Stadt schrieb eine musizierende Klassikliebhaberin: „Auf Dauer sind mir zwei oder drei schnarchende Obdachlose lieber als so ein Gedudel vom Band.“ An der „akustischen Umweltverschmutzung“ störte sie vor allem die schlechte Soundqualität.


Michael Liebminger, Economy Printausgabe 85-06-2010, 25.06.2010 Kommentar posten

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