Contra: Hungerkünstler

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Kunst soll also am wahrhaftesten sein, wenn die Künstler arm sind. Wenn Hunger als schöpferischer Grundimpuls einen Maler antreibt, wird er vielleicht besonders kreative Stillleben mit Brotlaiben schaffen. So er noch Farbe in seinen Tuben, Tiegeln oder Spraydosen hat. Wenn nicht, kann er ja mit seinem Blut malen. Eine Schriftstellerin hat es leichter, das Schreiben auf Papier ist billig, das kann man überall, in U-Bahnstationen oder auf Parkbänken, so es nicht regnet. Auch eine eigene Wohnung braucht man nicht unbedingt, man kann ja die Erfahrung von Obdachlosigkeit literarisch verwerten. Computer? Unnötiger Luxus. Thomas Mann hat auch mit Tinte geschrieben. Zugegeben, der war wohlhabend, der wusste, dass er zu Mittag gut speisen würde. Wenn Leute mit einem schönen Angestelltengehalt gegen staatliche Unterstützung von Kunst wettern und für die Freiheit des Marktes plädieren, ist das seltsam. Der Markt soll also die Kunst regeln. Gerade in Zeiten, wo die Finanzmärkte die halbe Welt krachen lassen und Regierungen ständig eingreifen, um diverse Kollapse zu verhindern. Es geht nicht darum, dass jede aspirierende Künstlerin ein Grundeinkommen bis zum Lebensende und kostenlosen Friseurbesuch erhält. Sondern dass mit Arbeitsstipendien, Preisen, Ankäufen von Kunstwerken, Filmförderung und dem ganzen Brimborium den jungen Hungerkünstlern das Kunstschaffen ermöglicht wird – bis sie sich auf dem Markt behaupten können.


Margarete Endl, Economy Printausgabe 84-05-2010, 28.05.2010 Kommentar posten


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