Business-Modell für die vorletzte Ehre
Foto: Kirschrosa Lippen an toten Menschen in
offenen Särgen sind keine Frage von Bestattungsmarketing,
sondern von Menschenwürde.
Thanopraktiker sagen das und machen
Leichname so für Begräbnisse zurecht.
Der Abschied, der einen letzten Blick auf
den Verstorbenen erlaubt, gilt als therapeutisch
wertvoll, ein erstes Stück Trauerabbau,
weil der Tod, wenn man ihn anschaut
und er nicht zu abstoßend zurückschaut,
besser begriffen werden kann.
Daher werden in Frisiersalonwaschküchen
Wangen gerötet, Haare gewaschen und Wellen gelegt, und
kleine Operationen füllen Gesichter wieder aus, wenn der
Krebs sie einmal dünngehungert hat.
Wenn sich Tod und Business jedoch treffen, etwa Särge in
Schaufenstern stehen, sind die Lebenden verstört. Betriebswirtschaftlich
modern Gedachtes wie das Angebot des deutschen
Unternehmens Volksbestattung, das seinen Kunden
25 Euro Rabatt gewährt, wenn diese eine Beisetzung online
bestellen, ruft Gewöhnungsbedarf hervor. Indes trifft sich
der International Order of the Golden Rule diese Woche
in Indiana, um dem Bestatter von heute einen Sack neuer
Dienstleistungsanregungen an die Hand zu geben. Für die
Kunden ausrichtung will man künftig Anleihe bei Disney und
Ritz-Carlton nehmen, um die letzte Ehre noch unvergesslicher
zu gestalten. Dem Marketing hingegen entgangen ist bisher
die Begleitung in Richtung Tod. Hospize, derer es hierzulande
lächerlich wenige gibt, versuchen gutzumachen, was Krankenhäuser
genervt aus der Hand geben. Den Tod hereinzuholen
ins Leben scheitert erfolgreich, weil weiterhin nur weggesperrt
gestorben wird. Gesichert wird damit vor allem eines:
eine steigende Angst vor dem allerletzten Stück Leben. - Ausgewählte Berichte und Kommentare aus den Schwerpunkt-Ausgaben bereits erschienener economy Printausgaben.
Alexandra Riegler,
Economy Webartikel, 03.02.2012

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