Atheistischer Glaube

Atheistischer Glaube (Evelin Frerk)Foto: Evelin Frerk

Religion bedeutet immer Fremdherrschaft Gottes über den Menschen. Immer steht der Mensch unter göttlichen Verboten, wird zuwiderhandelnd, so die Bibel, als Sünder bis in den Tod verfolgt und darüber hinaus bis in die Hölle. Selbst der Himmel ist eine göttliche Diktatur. Die Repressionen der Religion(en) erfüllen in einer Demokratie den Tatbestand der Unterdrückung und der Erpressung.
Erst durch die Loslösung von Gott als der höchsten religiösen Autorität befreit sich der Mensch von Fremdbestimmung. Indem er sich selbst herausnimmt aus der göttlichen Bevormundung, entwickelt er sich zu einem sich selbst bestimmenden und verantwortenden Individuum. Ein solcher Mensch bekennt sich in unserer demokratischen Gesellschaft als Atheist.
„Der Mensch ist frei geboren, überall liegt er in Ketten.“ Dieser Aufschrei der Aufklärung, damals zur Befreiung des Menschen, richtete sich gegen die kirchlich-religiöse Beherrschung des Menschen, denn alle staatliche Gewalt vollzog sich ursächlich in Vollmacht Gottes und damit als theokratische Unterdrückung. Auch heute ist die geistige Befreiung des Menschen aus religiöser Fremdbestimmung ein zentrales Thema unserer säkularen Gesellschaft, die von göttlichem Irrglauben und kirchlich-religiöser Hochfährigkeit nur so trieft.
Der Mensch kann sehr wohl in eigener Verantwortung leben – ohne Kirche, ohne Religion, ohne Gott. Viele Menschen tun das. Sie verstehen ihr Leben vor dem Tod als ihr einziges Leben. Sie versuchen, dieses Leben bestmöglich zu gestalten. Sie setzen sich Ziele, geben sich selber Sinn, erfüllen Pflichten. Sie haben Freunde, genießen die Freuden in der Vielfalt und Schönheit des Daseins. Zugleich wissen sie um den Tod als das ganz natürliche Ende ihres Lebens – für immer. Ihren Tod verstehen sie als das Nichts, in dem – ohne allen Schrecken – ewiger Frieden herrschen wird.
Der Mensch kann sehr wohl zugleich in Mitverantwortung für den Mitmenschen und für die Gesellschaft leben, auch ohne Kirche, ohne Religion, ohne Gott. Viele – gerade auch junge – Staatsbürger tun das, oft sogar unter schwersten persönlichen psychischen Belastungen, als Kranken- oder Altenpfleger, als Polizisten und Rettungsdienste bei entsetzlichen Unfällen, als Soldaten in Afghanistan. Sie leben durch und durch in humanistischen Lebensidealen.
Der Mensch kann sich selbst befreien zu einem autonom-humanistischen Menschen in einer säkularen Welt. Der Mensch braucht dazu keinen Papst, keine Religion, keinen Gott. Er braucht nur verantwortungsbewusste Menschen, die mit ihm im Leben und Sterben solidarisch sind.
Paul Schulz ist Theologe und Autor des neuen Buches „Atheistischer Glaube. Eine Lebensphilosophie ohne Gott“.


Links

Pauls Schulz, Economy Printausgabe 79-12-2009, 18.12.2009 Kommentar posten


Business-Modell für die vorletzte Ehre

Business-Modell für die vorletzte Ehre

Kirschrosa Lippen an toten Menschen in offenen Särgen sind keine Frage von ... mehr

Der Wiener Zentralfriedhof lebt

Der Wiener Zentralfriedhof lebt

Der Wiener Zentralfriedhof ist ein Ort der Begegnungen. Die knapp 2,4 Hektar große Anlage im ... mehr

Schwesternstation statt Rezeption

Schwesternstation statt Rezeption

Reisen bildet. Das weiß ich spätestens seit meiner letzten Geschäftsreise. Kurz ... mehr

Flugbegleiterin am Höhenruder

Flugbegleiterin am Höhenruder

Wenn man wieder einmal überlebt hat, riecht die Luft würziger, und ein paar Stunden lang glüht ... mehr

Leben S' g'sünder

Leben S' g'sünder

„Wenn Sie jemandem Vorschriften machen, was besser für ihn sei – was wird dann wohl meistens ... mehr

Markt mit Mehrwert

Markt mit Mehrwert

Schnell noch zum Billa. Mozzarella, Bio-Eier, Bio-Butter, Katzenfutter. Rispentomaten um 2,90 ... mehr

Wein trinken und Wasser schwitzen

Wein trinken und Wasser schwitzen

Weinbauern, die ihre edlen Tropfen gut verkaufen wollen, müssen heute strategisches Marketing ... mehr

Programmiertes Öko-Desaster

Programmiertes Öko-Desaster

Die Österreicher besitzen ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein. So sammeln wir über 87 Prozent des ... mehr

Demokratie zu zweit

Demokratie zu zweit

Wenn Politiker untragbar werden, sucht man nach jenen, die dies verhindern hätten können. Ist ein ... mehr

Demokratie zu zweit

Demokratie zu zweit

Wenn Politiker untragbar werden, sucht man nach jenen, die dies verhindern hätten können. Ist ein ... mehr

Keep smiling

Keep smiling

Wenn man sich den verbissenen Gesichtsausdruck mancher Hobbyläufer ansieht, könnte man Mitleid ... mehr


 

Religion bedeutet immer Fremdherrschaft Gottes

Religion kann auch Freiheit von Gott und Göttern sein - wie des der Buddhismus seit 2.500 Jahren praktiziert. Buddhismus ist keine atheistische Lehre (gegen Gott) sondern eine non-theistische Religion, d.h. sie kümmert sich nicht um Gottesfragen, sondern stellt wie Ihr Artikel, Herr Dr. Schulz, die eigene Lebensführung in den Mittelpunkt des spirituellen Lebens. Nachdem es jetzt schon Buddha-Figuren in jedem Baumarkt zu kaufen gibt, sollten wir unseren eurozentristischen Blick endlich aufgeben und sehen, dass andere Erdteile schon lange schon viel weiter sind als unser enger und rückwärts gewandter theistisch/atheistisch Diskurs.
Franz Ritter, MSc, Repräsentant der Öst. Buddhistischen Religionsgesellschaft

Ihre Meinung:

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
Image CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.