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18. September 2018

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Performative Wissenschaft

Performative WissenschaftAndreas Urban

Performative Wissenschaft ist keine kleinlöchrige Sache, der man sich durch kurzes, heftiges Reißen entledigt. Es handelt sich dabei um einen bunt schillernden Kosmos zwischen Kunst und Erkenntnis.

Nicht nur Kommunikationswissenschaftler, Soziologen und Informatiker und vor allem Medienmogule befassen sich mit den Neuen Medien. Zunehmend erregen diese auch die Aufmerksamkeit der Philosophen.
Ein ganz schlauer unter ihnen, Odo Marquard nämlich, beschrieb einmal recht filmreif – er selbst prägte den Ausdruck „Transzendentalbelletristik“ – seine eigene Zunft: „Der Philosoph ist nicht der Experte, sondern der Stuntman des Experten: sein Double fürs Gefährliche. Ein Stuntman, der nicht halsbrecherisch agiert, ist nichts wert.“ Man muss dem Denker ein wenig recht geben.

Brückenbauer
Auf der Besetzungsliste ganz oben rangiert Hans H. Diebner, Leiter des Instituts für Neue Medien in Frankfurt am Main, der sich schwerpunktmäßig den Forschungsgebieten performative Wissenschaft und operationale Hermeneutik widmet. Merkmal der performativen Wissenschaft ist der „Wille zur Verhandlung zwischen Kunst und Wissenschaft“, so Diebner. Der Begriff performative Wissenschaft habe sich trotz der möglichen falschen Gewichtung in vielerlei Hinsicht bewährt, vor allem, weil er der zunehmenden Anerkennung von Performativität in den Naturwissenschaften und in der Kybernetik Rechnung trage. Ähnlich der Kybernetik, das heißt der Wissenschaft von der Funktion komplexer Systeme, möchte der Wissenschaftler mittels seiner Methodik neue Erkenntniswege in einer Vielfalt von Erfahrungsbereichen eröffnen.
Diebners Forschungsinteressen kreisen um das Thema Komplexität in einem weiteren Sinne. Die einzelnen Schwerpunkte umfassen die Modellierung und Simulation von nichtlinearen Systemen, künstliche Intelligenz, Gehirndynamik sowie philosophische Probleme im Zusammenhang mit der Komplexitätsforschung. „Durch mein Engagement in den Umweltsystemwissenschaften an der Universität Graz stehen ökologische Systeme oft im Mittelpunkt meines Interesses. Wegen der zunehmenden Vi-realität (Kopplung substanzieller und virtueller Realitäten, Anm. d. Red.) unseres Lebens betrachte ich auch das Internet als Teil der Umwelt, was neue ökologische Konzepte nach sich zieht, um beispielsweise auch den Wechselwirkungen mit künstlich intelligenten „Knowbots“ (unabhängige, selbst agierende Software-Programme, die im Internet nach Informationen suchen, Anm. d. Red.) im virtuellen Raum Rechnung zu tragen.“

L’art pour l’art
In Kunst und Wissenschaft wird das Thema im 21. Jahrhundert erneut virulent. Dass die beiden Kulturwelten in der griechischen Philosophie und in der Renaissance, im Speziellen bei Leonardo da Vinci, quasi als eins gedacht wurden, hat nicht ihre Spaltung verhindern können.
Vor allem aus der sogenannten Medienkunst heraus haben sich jedoch nun zahlreiche Künstler dem Thema Kunst und Wissenschaft verschrieben. Es gibt sogar neue Fachbereiche an Kunsthochschulen, die durch ihre Namensgebung wie „Kunst als Forschung“ oder „Interface-Cultures“ ihre Nähe zur Wissenschaft ausdrücken. Umgekehrt glauben Wissenschaftler, nicht nur aufgrund ihrer kreativen Vorgehensweisen, sondern auch durch den Einsatz sinnlicher Darstellungen (Bild, Ton Haptik und anderen) eine Ästhetik zu pflegen, die Kunstcharakter hat.
„Performative Wissenschaft, wie sie am Institut für Neue Medien in Frankfurt erforscht und umgesetzt wird, möchte nicht den unmöglichen Versuch unternehmen, Kunst und Wissenschaft zu vereinigen. Vielmehr geht es darum, die Komplementarität der beiden Kulturen fruchtbar zu nutzen, indem gewissermaßen ein Oszillieren zwischen den Disziplinen erlaubt und gefördert wird. Organisationswissenschaften, Wissensmanagement oder Forschungsbereiche, die sich Kompetenzforschung nennen, gesellen sich heute zur schon fast traditionellen Zukunftsforschung, deren erklärtes Ziel es – unter anderen – ist, Regeln für eine innovative Umgebung zu schaffen.“

Mensch und Modell
Natürlich geht die performative Wissenschaft über die Forderung hinaus, Künstler in wissenschaftliche, ökonomische, politische und weitere Projekte einzubinden, quasi als Partner, die sich besonders auf den Perspektivenwechsel verstehen. Es wird ganz konkret an einem Interface-Design gearbeitet, das in einem möglichst geringen Umfang von Benutzermodellen ausgeht und stattdessen Freiheitsgrade für einen Prozess ermöglicht. Viele der heute im elektronischen Raum in die Software integrierte und auf dem eigenen Computer oder im Internet im Einsatz befindlichen intelligenten Algorithmen, sogenannte Bots, würden aufgrund eines individuell erstellten Benutzerprofils dessen Kreativität einzuschränken versuchen, so Diebner.
Neben den erwähnten Navigationswerkzeugen im Datenraum werden auch konkrete Konzepte für wissenschaftliche Forschung im Bereich der Erforschung komplexer Systeme, insbesondere kognitiver Vorgänge, erstellt. Das Wesentliche hierbei ist die Einbindung des kreativ handelnden Menschen in das Modell. Hier sind künstlerische Ansätze gefragt, wie sie in der interaktiven Medienkunst anzutreffen sind.
Es verwundert daher nicht, dass zusammen mit Künstlern Museumsinstallationen entworfen werden und das Museum quasi als Genius Loci gesehen wird, um wissenschaftliche Feldstudien, gepaart mit dem über eine bloße Didaktik hinausgehenden Angebot an die Museumsbesucher für die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Konzepten, durchzuführen.

Installation und Performance
Entscheidend für die performative Wissenschaft sei „die körperliche Involviertheit des Forschers“, resümiert Diebner. Eine gänzliche Abgrenzung von einer Aufführung sei deshalb auch gar nicht intendiert, da sich konsequenterweise für die performative Wissenschaft auch der Publikationsstil ändern muss, der Kunstinstallationen oder Performances beinhalten kann. Außerdem spielen Performances als experimentelles Design eine wesentliche Rolle.

Links

Economy Ausgabe 69-02-2009, 15.01.2009