Der Forschung eine Basis geben

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Daniel Weselka: „Es geht nicht um morgen oder nächste Woche. Es geht schlicht um die Zukunft und die Position unseres Landes auf der globalen Landkarte“, erklärt der Leiter der Abteilung Natur- und Formalwissenschaften und Technik des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung.

economy: Warum ist es so wichtig, sich mit einem Thema zu beschäftigen, das auf den ersten Blick nicht gerade spannend klingl? Die Rede ist von Forschungsinfrastruktur.
Daniel Weselka: In vier Sätzen: weil dieses etwas spröde Wort wesentlich unsere Zukunft mitbestimmt. Forschungsinfrastruktur bestimmt die Qualität und Wettbewerbsfähigkeit des Innovationssystems. Eine konkurrenzfähige Infrastrukturausstattung der Bildungs- und Forschungsträger mit verbindlichen Finanzierungen sowie regelmäßiger, ergebnis- und relevanzorientierter Evaluationen ist daher ohne Alternative. Innovationen, erst recht die oft gewünschten radikalen Innovationen, lassen sich nicht planen, aber ermöglichen.

Was bedeutet das für die gerade in Entwicklung befindliche FTI-Strategie des Bundes?

Nun, auf der strategischen Ebene geht es um nichts weniger als um die Weiterentwicklung der Gesellschaft und ihrer wirtschaftlichen Grundlage. Es geht um die Materialisierung der strategischen Visionen. Das heißt um konkrete Projekte, Maschinen, Computer et cetera. Also um alles, was die Menschen, die wir ausbilden, brauchen, um konkret arbeiten zu können. Letztlich geht es natürlich auch um Geld. Diese Weiterentwicklung erfordert einerseits deutlich mehr Humanressourcen, die auf internationalem Spitzenniveau ausgebildet sind, und andererseits State-of-the-Art-Infrastruktur zur Generierung und Umsetzung von Wissen. Wissen ist eine Voraussetzung für die Beteiligung am globalen Wettbewerb, Wissen hat aber oft auch ein Ablaufdatum, daher Stillstand ist Rückschritt. Forschungsinfrastruktur ist unmittelbar entscheidend für den Forschungs- und Ausbildungsstandard sowie für die Qualität von Universitäten und außeruniversitären Einrichtungen und damit auch für deren Attraktivität für Spitzenkräfte.

Ist Österreich kein attraktives Land für Spitzenforschung und Innovation?
In einigen Bereichen bestimmt, aber statt über den Brain Drain zu jammern, sollten wir aktiv ein attraktives Umfeld schaffen. Wir sehen: Dort, wo das Umfeld stimmt, haben wir die besten Leute. Wir wissen: Es sind die Köpfe, die entscheidend sind. Nicht nur in den Naturwissenschaften können Stellen nur dann mit Spitzenleuten besetzt werden, wenn sie eine adäquate Infrastruktur vor Ort vorfinden und Zugang zu internationalen Einrichtungen haben. In der Praxis heißt das, dass auch die Zweit- und Drittgereihten in den Verhandlungen entsprechende Investitionen fordern. Die Besten tun sich das in der Regel nicht an, sondern setzen ein entsprechendes Arbeitsumfeld als selbstverständlich voraus.

Das heißt also, die Existenz beziehungsweise der Zugang zu erstklassiger Infrastruktur ist wesentlich für die Qualität sowohl des Forschungspersonals als auch der Forschungsergebnisse?
Genau. Man kann es nicht oft genug sagen: Der weitere Ausbau der nationalen Infrastruktur und der zugehörigen Enabling Technologies wie Hochleistungsrechner, Datenspeicher und -netze, Anlagen zur Strukturanalyse auf allen Ebenen – mikro, nano et cetera – sowie die Sicherung des Zugangs zu internationalen Spitzenforschungseinrichtungen sind entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit des Forschungsstandorts Österreichs.

In welchen Zeitdimensionen muss man hier denken, und was ist das Ziel?
Es geht nicht um morgen oder nächste Woche. Es geht schlicht um die Zukunft und unsere Position auf der globalen Landkarte. Man braucht auch das Rad nicht neu erfinden. Auf Basis vorhandener Exzellenz und im Einklang mit den europäischen Entwicklungsplänen – der berühmten ESFRI Roadmap – müssten die Internationalisierung des österreichischen Forschungssystems als auch die adäquate Beteiligung am Europäischen Forschungsraum konsequent fortgesetzt werden. Hier ist ja auch schon einiges geschehen. Wir haben in einigen Bereichen Spitzenpositionen inne. Die gilt es zu halten und bedarfsgerecht neue zu etablieren.

Welche Schritte gilt es jetzt zu setzen?
Für das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung wäre die Fortsetzung der Forschungsinfrastrukturini­tiativen I bis IV für die Universitäten im Wettbewerb und qualitätsgesichert durch Peer-Review-Verfahren wichtig. Ebenso die Bottom-up-Initiativen an der europäischen Roadmap auf Basis vorhandener Exzellenz, Schwerpunktsetzungen der Politik und qualitätsgesichert durch europäische Auswahlverfahren. Unter Berücksichtigung der entsprechenden Ziele der Systemevaluierung, sprich: Reduktion von Komplexität, müssen keine neuen Strukturen, Plattformen, Kommissionen et cetera geschaffen werden. Sondern der existierende Dialog mit den Forschern ergänzt um eine existierende österreichweite Bestandsaufnahme könnte in eine nationale Roadmap für Forschungsinfrastruktur umgesetzt werden. Diese Roadmap wäre ein integraler Bestandteil der Forschungsstrategie des Bundes, da sie die Zielsetzung – also die Bestimmung operationalisierbarer Teilziele – mit Leben erfüllt, und würde weg von Case-by-Case-Interventionen zu einem zeitgemäßen Public Management beitragen.

An Ideen mangelt es nicht.
Ja, die Lebendigkeit der Forschungsszene ist wirklich eine Freude. Nur, was nützt die beste Idee mit den schönsten Entwicklungsperspektiven, wenn es keine Finanzierung gibt? Genau daran wird aber jetzt gearbeitet. Als Vertrauensbasis und Perspektive seitens der Forschungspolitik wäre das vom Wissenschaftsminister in Alpbach vorgeschlagene Forschungsfinanzierungsgesetz bestens geeignet, die nachhaltige Budgetierung mit verbindlichen Quoten für Infrastruktur­investitionen abzusichern.

Und wie sieht es in puncto Umsetzung aus?
Die Umsetzung der Roadmap ist in ganz Europa ein schwieriges Thema, aber sie ist gleichzeitig die beste Medizin gegen eine gefährliche Krankheit: die Zukunftsschwäche. Ohne einen entsprechenden Stufen- und Investitionsplan wird es nicht gehen. Dabei wird man weder um eine Auswahl noch um eine Überprüfung der Effizienz bereits vorhandener Infrastrukturen herumkommen. Ein derartiger Aufbruch zu neuen Themen wäre ein absoluter Gewinn.


Sonja Gerstl, Economy Printausgabe 79-12-2009, 18.12.2009 Kommentar posten


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