„Das ist nicht der Gott, den ich kenne“

„Das ist nicht der Gott, den ich kenne“ (DPA/Hendrik Schmidt)Foto: DPA/Hendrik Schmidt

Die Anhänger der Schöpfungslehre liefern sich in den USA traditionell hitzige Debatten mit Vertretern der Lehrmeinung. Gläubigen Naturwissenschaftlern kommt inmitten des Gerangels eine heikle Position zu.

Michael Dowd, Geistlicher und mit einer bekennenden Atheistin verheiratet, reist seit sieben Jahren als Evolutionsevangeliker durch die USA, um eine, wie er sagt, „Religion 2.0“ unter die Leute zu bringen. Sein Buch Thank God for Evolution (Dankt Gott für die Evolution) wird von fünf Nobelpreisträgern und einer ganzen Heerschar von Wissenschaftlern in den höchsten Tönen gelobt.
Dowds Weltsicht konzentriert sich ganz und gar auf die Evolution und kommt dabei ohne einen persönlichen Gott aus. Anklang findet das Konzept nicht nur unter Forschern. 70 Prozent des Publikums können sich bei seinen, meist im religiösen Rahmen stattfindenden Vorträgen mit der Idee anfreunden, so der Autor.
Die hitzige Debatte der Darwin-Verweigerer und Intelligent-Design-Vertreter, die entweder die Evolutionstheorie die Ursache allen Übels schimpfen oder die christliche Schöpfungsgeschichte verwissenschaftlichen, kühlt auch unter der Obama-Regierung nur langsam ab. Entsprechend kontroversiell bleibt die Frage, ob gläubigen Forschern beim Arbeiten ihre privaten Heilsansichten in die Quere kommen. „Das Thema löst bei vielen Wissenschaftlern Alarm aus, vor allem bei jenen, die nicht religiös sind“, sagt Stephen Granade, Physiker bei Advanced Optical Systems, einem Unternehmen, das unter anderem für die Nasa arbeitet.

Dutzende Meinungen
Angesichts der in den letzten Jahren ablehnenden Haltung gegenüber Themen wie embryonaler Stammzellenforschung sei dies seiner Meinung nach durchaus verständlich. Granade selbst arbeitet im Norden Alabamas, einer Kernregion des Bible Belt, der sich über den Südosten der USA erstreckt. Religiöse Wissenschaftler würden dort kaum Irritationen auslösen.
Tatsächlich kursieren Dutzende von Spielarten zwischen Darwinismus auf der einen Seite und dessen Ablehnung auf der anderen. Francis Collins, ehemaliger Leiter des Human Genome Project und seit August Chef der National Institutes of Health, ist Genetiker und offen bekennender Christ. Sein Job an der Spitze der finanzstärksten US-Forschungsförderungsstelle hindert Collins nicht daran, seine Privatmeinung über die Anfänge des Lebens kundzutun.
Von wörtlichen Auslegungen der Bibel distanziert er sich ebenso wie von einer Schöpfung, die in sieben Tagen oder vor 6000 Jahren stattfand. Zur Entwicklung der Doppelhelix befragt, kommentiert Collins allerdings, dass es sich dabei seiner Ansicht nach um die Art und Weise handle, „wie Gottes Wort Leben entstehen ließ“.
Während für sogenannte „Ultra-Darwinisten“ wie den britischen Wissenschaftsautor und Biomathematiker Richard Dawkins Evolution nur mit Atheismus in Einklang zu bringen ist, lehren nahezu alle christlichen Universitäten in den USA die Evolutionstheorie. Der Unterschied zur Vermittlung an herkömmlichen Hochschulen ist, dass der christliche Gott dabei meist glorifiziert wird – für den Geistlichen Dowd ein viel zu theistischer Ansatz. Für ihn ist die Menschheitsgeschichte nicht nur untrennbar mit der Historie des Kosmos verbunden. Das Universum würde sich durch den Menschen gar seiner selbst bewusst. „Wir sind die Natur, die ihre eigene Natur entdeckt“, formuliert Dowd. „Offenbarungen“ sind für ihn wissenschaftliche Erkenntnisse, womit sein Konzept eine Art Brückenschlag zwischen religiösen und nichtreligiösen Überzeugungen darstellt: eine Weltsicht, die alle vereint, weil sie auf Fakten basiert.

Glaube ohne Worte
Dass religiöse Fundamentalisten die Bibel wörtlich nehmen, ist für Doris Kuhlmann-Wilsdorf „wissenschaftlicher Nonsens“. Die gebürtige Deutsche wurde 1963 als eine der ersten Frauen als Professorin für Technische Physik an die University of Virginia berufen und ist heute im Ruhestand. „Man weiß aus der Quantenmechanik, dass sich Wahrheit nicht in Worte fassen lässt“, verdeutlicht Kuhlmann-Wilsdorf. Darin seien schließlich alle Weltreligionen vereint: „Religion ist nicht wörtlich zu verstehen“, so die Physikerin. Seit Mitte der 1970er Jahre versuche sie ihren Studenten zu vermitteln, dass Wissenschaft und Religion zwei Seiten „einer großen Schöpfung“ seien. An der
öffentlichen Debatte des Themas lässt Kuhlmann-Wilsdorf kein gutes Haar: „Es gibt eine halb offizielle Sichtweise, wonach die Wissenschaft bewiesen habe, dass es keine Seele gibt und dass es unwissenschaftlich und dumm ist, gläubig zu sein“, ist sie überzeugt.
Für „zumeist schlecht“ hält die Auseinandersetzung auch Erik Anderson, Assistant Professor am Institut für Maschinenbau des Grove City College. „Beide Seiten sprechen zumeist aneinander vorbei und bringen Pseudoargumente“, meint Anderson. Die Paläontologin Kate Bulins­ki, Assistant Professor für Geowissenschaften an der katholischen Bellarmine University in Louisville, unterrichtet das Seminar „Evolution und Kreationismus“. Heuer sind rund die Hälfte der Teilnehmer erstsemestrige Biologiestudenten mit überdurchschnittlichem Notendurchschnitt, alle „ziemlich einverstanden mit der Evolution“, so Bulinski. Ziel sei es, Missverständnisse auszuräumen, etwa, dass der Mensch in direkter Linie vom Affen abstamme. Typisch sei auch die Behauptung, dass Evolution „nur“ eine Theorie sei. In der wissenschaftlichen Bedeutung sei das ja immerhin Faktenbasiertheit. In diesem Jahr ist nur eine Kreationistin mit dabei. „Und sie hat ihre Meinung geändert.“ Zweifel kennt Anderson nicht: „Ich glaube, was die wissenschaftlichen Daten sagen: Fossilien, die auf gemeinsame Vorfahren hindeuten.“ Warum solle ein Gott die Menschen damit an der Nase herumführen?„Das ist nicht der Gott, den ich kenne.“


Alexandra Riegler, Economy Printausgabe 79-12-2009, 18.12.2009 Kommentar posten


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