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zur Startseite "Dossier"Wirtschaftskapitäne mit Turban
Foto: EPA/Raminder Pal SinghEs ist der ultimative Start einer Indienreise. Amritsar, die heiligste Stadt der rund 23 Mio. Sikhs, nur 450 Kilometer vom hektischen, verschmutzten Delhi entfernt. In der Stadt nahe der pakistanischen Grenze kann der Besucher ins Herz dieser jüngsten Religion der Welt, gegründet im 15. Jahrhundert, eintauchen. Das Herz, das ist der Goldene Tempel. Dort darf jeder Besucher, ob reich oder arm, Tourist oder indischer Dorfbewohner, Sikh, Christ, Moslem oder Atheist, drei Tage lang gratis schlafen und essen. Denn mit leerem Magen ist schlecht beten, und gebetet wird rund um die Uhr – in einem goldenen Schrein, der im heiligen See schwimmt und der über eine einzige Brücke erreichbar ist.
Wer in diesem atemberaubenden Umfeld die Einheit aller Menschen zelebriert hat, muss sich fragen, ob es dieselben Sikhs sind, die in Wien einen Guru hingerichtet, einen zweiten schwer verletzt und anschließend noch auf einen Wiener Polizisten geschossen haben. Ohne Wissen über die Sikhs drängten sich nach dem Tempel-Massaker Assoziationen mit den Taliban auf, die ihren religiösen Wahn ausleben, koste es, was es wolle. Über die Gründe der Bluttat, die im fernen Indien zu Ausschreitungen mit Toten geführt hat, wird noch geforscht. Was dabei auch herauskommen mag: Fakt ist, dass die Sikhs so gar nichts mit den Steinzeit-Taliban gemein haben. Selbst im Vergleich zu den Hinduisten, von denen sie sich im 15. Jahrhundert abgespalten haben, sind die Sikhs fortschrittlich. Frauen haben dieselben Rechte und Pflichten, das Kastenwesen, das die Stellung eines Hindus von Geburt an in Stein meißelt, wird abgelehnt.
Protestanten Indiens
Im Gegensatz zum Hinduismus akzeptieren Sikhs außerdem materielle Bedürfnisse und deren Befriedigung. Deswegen steht die Sikh-Religion dem Streben nach Wohlstand und Ansehen nicht im Weg. „Ein Sikh muss anderen ein Beispiel geben; er soll ein besserer Bauer, ein besserer Geschäftsmann und ein besserer Beamter sein“, heißt es in einer Einführung in den Sikhismus von Gobind Singh Mansukhani. Diese Einstellung, die mit jenen der Protestanten zu vergleichen ist, ist im nordindischen Bundesstaat Punjab spürbar. Dort lebt die große Mehrheit der Sikhs. In Punjab ist das Pro-Kopf-Einkommen größer und das Gefälle zwischen Arm und Reich deutlich kleiner als im Rest des Landes. 70 Prozent der indischen Fahrräder, Nähmaschinen oder Sportartikel sind „Made in Punjab“.
Noch weit wichtiger als die Industrie ist die Landwirtschaft. Punjab stellt die Kornkammer Indiens dar. Obwohl der Bundesstaat nur 1,6 Prozent der Landesfläche einnimmt, stammt ein Fünftel des Weizens aus Punjab. Der Boden ist sehr fruchtbar und das Land leicht zu bewirtschaften. Neben diesen Startvorteilen verhalf die Strebsamkeit der Punjabis der „grünen Revolution“ zum Durchbruch.
In den 1960er-Jahren gab die indische Regierung die Losung aus, die rückständige Landwirtschaft in ein neues Zeitalter zu führen und die Erträge durch moderne Bewässerung, Anbaumethoden und Dünger zu vervielfachen. Punjab ist der einzige Bundesstaat, in dem dies gelang. Der verhältnismäßige Reichtum der Provinz zeigt sich an den Bäuchen so mancher Sikh-Männer, im armen Indien das Statussymbol schlechthin. Der Status der Sikhs ist auch in der Hauptstadt Delhi umfangreich. Im Nachnamen heißen alle männlichen Sikhs Sing („Löwe“). In der Liste der Staatsbeamten füllt der Abschnitt für Sing ganze Seiten. Bildung wird bei den Sikhs sehr groß geschrieben, das Recht darauf wurde in ihrem heiligen Buch festgelegt. Die Familie stellt den Kindern die nötigen Mittel bereit. Denn ohne Geld bleibt in Indien der Zugang zur Elite verschlossen.
Die Sikhs sind fortschrittlich, doch nicht im demokratischen Sinne. Denn in erster Linie sind sie eine religiöse Community mit strengen Werten und einem strengen Gesellschaftssystem. Deswegen, meint die Hamburger Politologin und Südasienexpertin Bianca Stachowske, könne Punjab trotz aller Errungenschaften nicht als Vorbild für den Rest Indiens gelten. „Punjab wird nach sehr feudalen Prinzipien regiert. An der Spitze der Pyramide steht der Grundbesitzer. Es gibt sehr klare Hierarchien und Abhängigkeiten, reiche Familien geben den Ton an.“ Von dieser Spitze aus wird an Arme umverteilt.
Gegen strenge Auflagen
Dieser Klientilismus erschwert den Kampf gegen den Urfeind, das Kastenwesen. Das ist trotz aller offizieller Beteuerungen auch unter Sikhs ausgeprägt, wenn auch deutlich schwächer als im Rest des Landes. Um doch darauf zu sprechen kommen: Es soll der Kampf zwischen unterprivilegierten Sikhs und den selbst ernannten Hütern des wahren Sikhismus gewesen sein, der hinter den Wiener Ausschreitungen steckt. „Ärmere Sikhs“ werden selbstbewusster und gründen eigene Tempel, die regen Zulauf verzeichnen. Das dünnt die Geldquellen der bestehenden Tempel aus. Und die „Derat“-Sekten haben Gurus, die sie anbeten. Das lehnen traditionelle Sikhs ab, für sie darf es seit 1708 keinen Guru mehr geben, nachdem der damals letzte Guru keinen Nachfolger bestellte.
Diese Verteidiger des „reinen“ Sikhismus fühlen sich nicht nur durch die Sekten gefordert, immer mehr „verwestlichte“ junge Sikhs entscheiden sich auch gegen die strengen Auflagen (wie zum Beispiel nie die Körperhaare schneiden, kein Alkohol oder Dienste an den Armen). Der nach religiöser Überzeugung erwirtschaftete Wohlstand untergräbt nun das eigene Fundament.
Im Goldenen Tempel ist von diesen inneren Spannungen des Sikhismus nichts zu spüren, privilegiert sind nur die Touristen, die in bewachten Dreibettzimmern wohnen, während die Inder mit Decke am Steinboden unter den Arkaden nächtigen.
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