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Wettkampflust statt Resignation

Wettkampflust statt Resignation (EPA)Foto: EPA

Sehgeschädigte Skiläufer oder beinamputierte Leichtathleten sind keine Seltenheit. Sportler mit Behinderung versuchen einfach, ihre Lieblingsbeschäftigung fortzuführen, und meistern so ihr Schicksal. Sie besitzen Vorbildfunktion, auch wenn der Nachwuchs zunehmend fehlt.

Der Sturz des Profisportlers Matthias Lanzinger, der in Kvitfjell mit Startnummer 30 ins Rennen ging, sah aus, wie er in Weltcup-Skirennen des Öfteren vorkommt. Der Läufer touchierte ein Tor und stürzte mit hoher Geschwindigkeit. Dass an diesem 2. März 2008 für Matthias Lanzinger trotzdem ein neuer Lebensabschnitt begann, lag vor allem daran, dass ihm in weiterer Folge aufgrund der schwerwiegenden Gefäßverletzungen der linke Unterschenkel amputiert werden musste. Eine Berufsausübung war nicht mehr möglich.
Das Einzelschicksal verdeut­licht, dass der Wechsel vom vollkommen gesunden zum behinderten Menschen sich oftmals in wenigen Bruchteilen von Sekunden entscheidet. Ob Sportunfall, Arbeitsunglück oder Freizeitverletzung, die Auswirkungen auf das weitere Leben sind für den Betroffenen häufig prekär. Rund zwei Mio. Menschen leben in Österreich mit einer körperlichen Beeinträchtigung. Die Statistik Aus­tria differenziert zwischen Menschen mit Einschränkungen des Bewegungsvermögens (480.000), Beeinträchtigungen des Hörens (456.000) oder Sehens (407.000) sowie chronischen Erkrankungen.

Erfahrung durch Wettkämpfe
„Ein Ex-Profi wie Matthias Lanzinger wird sich einen Umstieg in den Behindertensport sehr gründlich überlegen“, meint die Sportdirektorin des Österreichischen Behindertensportverbands (ÖBSV) Andrea Scherney (43). Die mehrfache Goldmedaillengewinnerin im Speerwurf und Weitsprung argumentiert nicht nur damit, dass das gewohnte Betreuer-Umfeld und die Finanzen fehlen, sondern illustriert dies auch anhand ihrer persönlichen Geschichte. „Als ehemalige Sportstudentin war ich eher eine mitteltalentierte Athletin. Erst durch meine Behinderung (Unterschenkelamputation, Anm. d. Red.) nach einem Motorradunfall erreichte ich ein höheres Niveau.“
Keineswegs möchte sie auf die Erfahrungen verzichten, die sie bei vier Sommer-Paralympics-Teilnahmen beispielsweise in Atlanta, Athen oder Peking erleben durfte. Aber wie bei jedem Hobbysportler müsse zuerst einmal die Flamme entfacht werden, um sich überhaupt zu bewegen, schließlich sei die Behinderung jeden Tag gegenwärtig. „Es gibt auch nach 23 Jahren immer noch psychische Durchhänger. Durch die eingeschränkte Mobilität überlegt man sich jeden Weg eher dreimal.“

Sport als lebenslanges Hobby
2009 zählt der ÖBSV gerade einmal 6500 Mitglieder. Deren Biografien ähneln sich. Jene, die Leistungs- oder Breitensport ausüben, gingen auch vor ihrem persönlichen Schicksalsschlag einer sportiven Betätigung nach. Insofern gehörte Sport immer schon zur Leidenschaft, und sie entscheiden sich eben nicht fürs Klavierspielen oder Malen als Alternative. Der Bewegungsfreude in der Freizeit stehen wiederum die Hürden des Alltags gegenüber. Stiegen können bereits ein unüberwindbares Hindernis darstellen, oder Automatik-Autos mussten angeschafft werden, als diese noch nicht serienmäßig hergestellt wurden.
„Ich schaue nie, was nicht mehr geht, sondern konzentriere mich auf das, was trotzdem noch klappt“, erklärt die sehgeschädigte Sabine Gasteiger (53) ihre Lebenseinstellung. Mit 23 wurde bei ihr eine langsam fortschreitende, erblich bedingte Sehbehinderung (Makuladegeneration) diagnostiziert.
„Anfangs erkannte ich die Leute auf der Straße nicht mehr, später konnte ich nichts Blaues mehr lesen.“ Die Einschnitte im Leben verliefen schrittweise, jedoch unaufhaltsam. Zum Verzicht aufs Auto- und Radfahren addierte sich später die Notwendigkeit einer Lupenbrille, die ein genussvolles Lesen von Büchern unmöglich macht.
Auch wenn die Oberösterreicherin heutzutage lieber die immer gleichen Strecken und Geschäfte wählt, so erarbeitet sich die begeisterte Skifahrerin und Bergsteigerin oftmals auch neue Wege mit dem Ziel, diese nach einiger Zeit selbstständig bewältigen zu können. Nur anfangs benötigt sie eine Begleitung. „Da entstehen bei mir Bilder im Kopf, und wenn ich dann alleine unterwegs bin, muss ich nur darauf achten, dass diese Bilder stimmen.“

Vorbereitung: Vancouver
In der Vorbereitung auf die Paralympics in Vancouver unterscheidet sich das Leben der erfolgreichen Sportlerin aus Bad Goisern, die seit ihrem dritten Lebensjahr auf Skiern steht, aber erst 2004 zum Rennsport kam, nur unwesentlich vom Alltag der bekannten Skilieblinge der Nation: Speedtraining in Chile im Sommer, Renntechnikschulung im Herbst am Gletscher, Konditions- und Ausdauertraining sowie Gleichgewichtsübungen mehrmals die Woche, Besichtigungen und Trainingsläufe vor Abfahrtsläufen.
„Ich fahre mehr mit den Fußsohlen und spüre die Piste“, erläutert Sabine Gasteiger das Fahrgefühl, wenn sie ihrem über Funk verbundenen Begleitläufer auf der Abfahrtspiste hinterherjagt. Schließlich geht’s auch im Behinderten-Skiweltcup mit Geschwindigkeiten um die 100 km/h talwärts. Und sie präzisiert: „Ich spüre, wenn mein vor mir fahrender Guide unsicher ist. Ich spüre, wie er auf dem Ski steht, mit welcher Energie und welchem Elan er bei der Sache ist. Und wenn er an etwas anderes denkt, dann hab ich das Gefühl, er ist nicht mehr da.“


Michael Liebminger, Economy Printausgabe 80-01-2010, 29.01.2010 Artikel mailen
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