Warum Slowaken in Ungarn shoppen

Warum Slowaken in Ungarn shoppen (Bilderbox.com)Foto: Bilderbox.com

Während Ungarn am Rande des Staatsbankrotts taumelt, ist der nördliche Nachbar Slowakei wirtschaftlich Spitzenreiter in der Region. In den 1990er Jahren war das Verhältnis umgekehrt. Was seither geschah.

DVD-Player, Strümpfe, Bohrmaschinen: Was Slowaken bei ihrem Ungarntrip in den Kofferraum packen, beschränkt sich längst nicht mehr auf Salami und Paprika. Denn der Preis ist heiß für die Slowaken, die seit Anfang des Jahres Euroland sind.
Seit Mitte 2008 ist der ungarische Forint gegenüber dem Euro um 24 Prozent abgestürzt. Wie ein eisiger Sturm, der über die Puszta fegt, erwischte die Finanzkrise die Magyaren frontal und ungeschützt. Die Slowaken haben rechtzeitig unter dem Dach des Euros Schutz gefunden. Um eingelassen zu werden, hatten die Slowaken zuvor Inflation, Budgetdefizit und Verschuldung brav gezähmt. Welch Unterschied zum südlichen Nachbarn, der 2006 ein Budgetdefizit von zehn Prozent auswies und im Oktober 2008 kurz vor dem Staatsbankrott stand.
25 Mrd. Euro von Währungsfonds, Weltbank und EU konnten das Ärgste abwenden, doch der ungarische Patient kommt seitdem nicht auf die Beine. Ungarn und die Slowakei: Die jüngere Geschichte der beiden Nachbarn ist die Geschichte eines Rollentauschs, der sich schon lang vor dem EU-Beitritt der beiden Länder im Jahr 2004 abzeichnete.

Unerwarteter Rollentausch
Noch Ende der 1990er Jahre galt Ungarn als Vorzeigestaat im ehemaligen Ostblock. Die Tore waren schon weit für westliche Investoren geöffnet worden, als in der Slowakei noch der polternde Ministerpräsident Vladimír Meciar die Geschäftswelt verschreckte. Nach dem Abgang Meciars 1998 musste sich das Land erst von dessen Eskapaden erholen, während sich Ungarn mit Volldampf zu einer robusten und stabilen Wirtschaft entwickelte. 2000 wendete sich das Blatt.
„In der ungarischen Wirtschaftspolitik machte sich ein beispielloser Populismus breit. Kein anderes Land hat seine Chancen so verspielt wie Ungarn“, meint Sandor Richter. Der Ungarn-Experte des Wiener Osteuropainstitutes WIIW ortet die größten Fehler in der Zeit von Mitte 2001 bis 2006. Nach den mageren Jahren der 1990er Jahre sei, so der Experte, die Versuchung für die Politiker zu groß gewesen, die fetten Jahre auszurufen. Die ersten Wahlzuckerl warf der konservative Premier Viktor Orbán von der Fidesz-Partei ins Volk. Vor den Wahlen 2002 erhöhte er Beamtengehälter und Pensionen massiv. Gewählt wurden die Sozialisten, und die machten weiter. Doch anstatt als Opposition langsam wieder auf die Bremse zu steigen, heizte Orbán den Wettlauf um mehr Staatsausgaben noch an. „Fidesz gibt euch noch mehr“, lautete die Parole. „Es war ein Spiel zwischen zwei Piloten, die aufeinander zusteuern und schauen, wer früher ausweicht“, umschreibt Richter das Duell Orbáns mit Péter Medgyessy und ab 2004 mit Ferenc Gyurcsány.
Den Steuerknüppel nach oben riss schließlich Gyurcsány Ende 2006 mit seiner berühmten „Lügenrede“. Er gestand darin ein, dass Ungarn auch unter seiner Führung über seine Verhältnisse gelebt hätte, und forderte einschneidende Reformen. Trotz empörter Proteste der Bürger gelang eine Reduktion des Budgetdefizits von zehn auf vier Prozent. Doch beim Ausbruch der globalen Finanzkrise hingen die Kondensstreifen vergangener Ausgabenduelle noch zu dick über dem Land. Die Staatsschulden sind erdrückend. Die Folge: Trotz zwölfprozentiger Zinsen kaufte niemand Forint-Anleihen, das Land blieb nur dank der Finanzspritze von IWF, Weltbank und EU liquide.
In Brüssel tritt das einstige Vorzeigeland als Wortführer für ein 180 Mrd. Euro schweres Hilfspaket für Osteuropa auf. Die Slowakei will mit Gyurcsánys Appellen nichts zu tun haben. Premier Robert Fico lässt keine Gelegenheit aus, um sein Land von Ungarn abzugrenzen. „Es gibt keine einheitliche Problemzone Mittel- und Osteuropa, das ist einfach nicht wahr.“
Um das slowakische Selbstbewusstsein hinter Ficos Aussage zu ergründen, noch einmal zurück in die späten 90er Jahre: Nach Jahren der Misswirtschaft unter Meciar verpasste sein Nachfolger, der konservative Mikuláš Dzurinda, dem Karpatenland ein beispielloses Reformprogramm. Die Bürger bezahlten es mit Selbstbehalten beim Arzt, eingefrorenen Gehältern im Staatsdienst und Pensionskürzungen; Ärzte, Krankenschwestern und Lehrer emigrierten in Scharen nach England, weil sie dort als Putzkraft mehr verdienten. Trotzdem ratterte der Reformmotor bis 2006 weiter, denn die Reformsaat ging auf und brachte Arbeitsplätze – vor allem in der Autoindustrie.

Wachstum in der Slowakei

Vom Land ohne nennenswerte Autoproduktion entwickelte sich die Slowakei zum „De­troit Europas“. Kia, Peugeot/Citroën, Volkswagen: Nirgendwo auf der Welt werden pro Kopf mehr Autos produziert. Doch 2006 ging den Slowaken die Luft aus – im selben Jahr, in dem die Kaufkraft der Slowaken erstmals jene der Ungarn überstieg. Sie wählten Dzurinda ab und hoben den Sozialisten Robert Fico ins Amt. Er zog den Reformen die Zähne und versucht seither, die gewachsene soziale Kluft – vor allem zwischen dem reichen Westen und dem armen Osten des Landes – zu kitten. Der boomenden Wirtschaft tat die soziale Wende keinen Abbruch. Mit über zehn Prozent erreichte das Wirtschaftswachstum 2007 Ausmaße wie sonst nur in China. Damit ist es vorbei, denn die Einbrüche auf dem Automarkt treffen die Slowakei ins Mark. Die Kofferräume werden sich trotzdem nicht leeren, im Gegenteil. Während die ungarische Wirtschaft 2009 schrumpft, wird der kleine Nachbar im Norden mit dem regionalen Spitzenwert von zwei Prozent wachsen.


Clemens Neuhold, Economy Printausgabe 71-03-2009, 27.03.2009 Kommentar posten


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